Warum das Schreiben uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen

Sonntag, 13. Mai 2018



“There is nothing to writing. All you do is sit down at a typewriter and bleed.” 
- Ernest Hemingway

Ich erinnere mich an die erste Geschichte, die ich an einer Tastatur geschrieben habe. Ich war zwölf Jahre alt und mächtig stolz, dass ich acht Kapitel hatte, die ich ohne Plot, sondern mit spontanen Ideen runterschrieb. Ich hing nicht sonderlich an der Story, denn nach ein paar Kapiteln begann ich die nächste und die nächste und die nächste.

Und etwas änderte sich. Auf dem Weg zu meinem 15-Jährigen Ich hatte ich etliche Kurzgeschichten geschrieben, die mir die Tränen in die Augen getrieben hatten. Von denen ich Angst hatte, sie jemandem zu zeigen, weil ich Angst hatte, jemand würde mich darin erkennen, obwohl nirgendwo „Laura“ stand. Schreiben entwickelte sich schnell zu einem Ventil, dass man brauchte, wenn man allein war. Sich zurückgelassen fühlte. Wenn man unzufrieden war und jemanden verprügeln wollte.
Mit 15, als Schreiben schon Teil meines Alltages geworden war, den ich nicht mehr wegdenken wollte und konnte, verstand ich es dann.
Man schreibt nicht nur, man investiert.

Wir investieren alle in unsere Geschichten: Zeit, Liebe, Tränen, mehr oder weniger starkes bis schwaches Kopfzerbrechen, Wut, Frustration, Träumereien. Wir Autoren leben davon und dafür, etwas zu erschaffen: Welten, Figuren, hoffnungsvolle und hoffnungslose Beziehungen. Und jedes Mal, wenn wir – sind wir schon an diesem Punkt angelangt – etwas schreiben und es irgendwann beenden, lassen wir darin etwas von uns zurück. Schreiben ist eine Kunst (wie auch Zeichnen beispielsweise), etwas komplett Neues, Erdachtes zu erschaffen, aber etwas von sich selbst darin zurückzulassen, ohne dass wir es bemerken. Nach jedem Buch, das ich geschrieben habe, war ich ein anderer Mensch, als ich es vor dem Buch gewesen bin.

Schreiben ist ein Ventil: Es hilft uns, Dinge zu verarbeiten oder aufzuarbeiten, die wir in uns begraben wollen oder nicht länger in uns begraben können. Über die wir sprechen können, weil wir bisher niemanden gefunden haben, der es so erzählt, wie wir es erzählen können. Es ist ein offenes Ohr, wenn man mit niemandem reden will, aber auch Urlaub, wenn der Kopf gerade platzen mag.
Schreiben bringt uns dazu, die Dinge zu überdenken, die wir denken, weil wir uns fragen müssen, wie wir sie erklären, wie unsere Figur, wie die Story sie erzählen würde und dem Leser zugänglich machen würde. Und dabei können und müssen wir manchmal feststellen, dass nicht alles so ist, wie wir es irgendwann mal in einen Stein gemeißelt haben.

Photo by Calum MacAulay on Unsplash


Mein Debütroman war lange Zeit Auf- und Verarbeitung für mich, nachdem privat einiges passiert ist. Ich erinnere mich noch, dass ich angefangen habe, Gedichte zu schreiben und irgendwann stand dann da ein Prolog eines Buches, von dem ich noch nicht wusste, dass es mir helfen würde, wieder aufzustehen. Der innere Konflikt, die Frage, wie man einen Menschen gehen lässt, den man liebt, war eine sehr persönliche. Eine, die mich abends davon abhielt, einzuschlafen und mich morgens nicht so richtig aufstehen lassen wollte. Weil ich keine Antwort darauf hatte und indessen Folge verheerende Fehler in meinem Leben gemacht habe, die ich sehr bereut habe.
Es gibt immer noch keine allumfassende Wahrheit, kein Geheimrezept, wie man einen Menschen gehen lassen soll, den man liebt, aber was soll ich sagen? Ich hab nicht vergessen, wie ich an Textpassagen gesessen und Tränen zurückpressen musste. Ich hab nicht vergessen, wie ich mich in die Frage eingearbeitet hatte, sie verstehen, rationalisieren und begreiflich - auch für mich - machen musste, weil ich sie für einen Leser beantworten musste; Zumindest musste ich erklären, warum es für manche Dinge im Leben keine Antwort gibt. Und dass das vollkommen in Ordnung so ist.
Ich weiß nicht, auch heute, wie man einen Menschen gehen lässt, den man liebt. Es gibt kein Rezept, aber mein Buch gab mir vor allem eines: Vergebung.

Wir Menschen sind so vernarrt darin, den Fehler in uns selbst zu suchen und nicht in anderen, dass uns gar nicht auffällt, dass das Problem nicht in uns liegt. Und dann erschaffen wir eine Figur, der wir Fehler verzeihen, die wir uns in dessen Folge auch verzeihen müssen. Wir lassen sie Ängste durchleben, die wir durchleben. Aber für sie finden wir rationale Lösungen und damit finden wir für uns auch immer öfter welche.


“We have to continually be jumping off cliffs and developing our wings on the way down.”
― Kurt Vonnegut

Und wir lernen dabei so viel dazu. Jede Geschichte, die wir schreiben (oder auch lesen), macht uns klüger. Sensibilisierter für die Gefühle anderer. Sensibilisierter für unsere eigenen Gefühle, die dann plötzlich in einer Geschichte stecken. In einem Motiv, das wir immer wieder einbauen. Einer Angst, die wir unterschwellig reinbringen, aber die uns überhaupt gar nicht bewusst ist.
Beim Schreiben lernen wir so viel über andere und so viel mehr über uns selbst. Über unsere Bewältigungsstrategien und wieso diese schädlich sind; Über Dinge, die wir mögen und hassen und warum wir das tun; Wie Gedankenspiralen bei anderen funktionieren und damit ziemlich ähnlich wie bei uns. Wir klettern in Köpfe und erleben Dinge, die wir nie erlebt haben, aber sie sind echt. Sie sind wahr.
Wir denken uns aus unserem eigenen Kokon, um uns in einen anderen reindenken zu können, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Wir erweitern nur den Blickwinkel.

Sicherlich ist nicht jedes Buch, das man als Autor verfasst, biografisch oder auch nur mit der eigenen Geschichte angehaucht. Aber ich wage die These und behaupte, dass dennoch, egal welche Story wir erzählen, ob Krimi, Fantasy oder Romanze, überall etwas von uns zu finden ist. Wenn nicht persönliche Erlebnisse oder Gefühle, dann vielleicht Motive, Mantras, die uns begleiten und am Herzen liegen. Redewendungen, die man einbaut, weil man sie selbst benutzt. Ich kenne ausreichend Autor*innen, von denen ich auch schon genug gelesen habe und was ist das für ein Klang von Worten, wenn ich ihre Geschichten lese und ihre Stimmen im Ohr habe, weil sie immer noch zwischen den Zeilen schwebt.

Und unbemerkt bleibt dabei auch nicht, wie sich Erzählstimmen, Figuren und Ton im Laufe eines Buches verändern. Man kann nicht nur zusehen, wie die Charaktere in der Geschichte sich entwickeln, fallen und wieder aufstehen, man kann dem Autor ebenso dabei zusehen, wenn man genau hinschaut. Wir können uns ganz sicher sein, dass kein Schreiberling nach seinem Buch die gleiche Person ist wie vor seinem Buch, sondern immer ein bisschen besser. Ein bisschen klüger. Ein bisschen aufmerksamer als zuvor.
Schreiben bringt uns dazu, niemals auszulernen.

Wie großartig ist es, etwas zu haben, in das man so viel investiert, und das dir eben so viel zurückgibt, weil es die Kraft hat, dich zu verändern? Zu einem besseren, gewachseneren Menschen, der andere (manche jedenfalls) dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen. Und dabei selbst über sich hinauswächst.

Und damit verbleibe ich: Schreibt weiter. Macht weiter eure Kunst.
Liebt sie und lebt sie. Alles, alles Liebe,
Laura.♥

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