Über die Skepsis im Umgang mit Medien.

Sonntag, 6. Mai 2018

Am Namen unseren Blogs lässt es sich bereits erkennen – die Skepsis ist eine Gemütsregung, der wir uns verbunden fühlen.

Wir haben uns ein Welt- und somit ein Menschenbild erschlossen, nach dem es unerlässlich ist, selbst hinzusehen. Selbst zu recherchieren. Selbst zu analysieren. Selbst Meinungen zu formulieren. Wir können uns nicht blind auf das verlassen, was uns jemand als Wahrheit vorsetzt und wenn er/sie/nb noch so oft beteuert, es sei alternativlos. Denn: solange wir Teil dieser Welt sind, also Zeit unseres Lebens, sind wir für sie verantwortlich.


Dafür, dass Zwischenmenschliches in respektvollem Umgang gelingt. Dafür, dass wir auch in Zukunft noch einen Planeten haben, auf dem Zusammenleben denkbar ist. Dafür, dass wir unsere Menschlichkeit nicht an den Markt oder Angst schürende Politik verkaufen.

Natürlich ist es nicht möglich, die ganze Welt zu überblicken. Weder in Zeiten der Globalisierung noch in den Jahrhunderten, die ihr vorausgingen. Ein solcher Versuch würde unweigerlich die Kapazitäten eines jeden Individuums sprengen. Zweifellos können wir nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein, auch sind wir durch die vielfältigen Komponenten unserer Sozialisation oft an einen einzigen Lebensentwurf, eine einzige Lebenswirklichkeit gebunden. Ich mag mich noch so sehr mit der Black Lives Matter Bewegung solidarisieren: dadurch werde ich nicht zur schwarzen Frau, dadurch werde ich nicht Opfer rassistischer Mikroaggressionen, dadurch ist mein Leben nicht ständig von polizeilichem Machtmissbrauch bedroht. Meine Recherchen, meine Analysen, meine Meinungen treten an dieser Stelle immer kürzer als die von Betroffenen und damit ultimativ: zu kurz.

Heißt das, unser Weltbild ist ein zum Scheitern verurteiltes? Heißt das, jegliches Bemühen um ein empathisches Miteinander, bei dem wir gemeinsam Missstände in Angriff nehmen, ist perspektivlos? Heißt das, ich kann soziale Verantwortung vergessen und mich der Selbstsucht verschreiben?

Nein.



Photo by Raphael Ferraz on Unsplash

Etwas, für das man den Menschen loben muss, ist sein Bedürfnis, für Probleme Lösungen zu finden. Wenn er die Welt nicht überblicken kann, es aber muss, um sie zu verstehen, und er dieses Verständnis als für sein Überleben essentiell einschätzt, dann offenbart das ein Problem und benötigt eine Lösung. Eine solche Lösung besteht historisch etwa in seriöser Nachrichtenerstattung. Sei das der Bote, den ein antiker Herrscher in andere Länder schickt. Sei das der Chronist, der Geschehnisse dokumentiert, sodass Menschen, die des Lesens mächtig sind, sie in Erfahrung bringen können. Sei das die Journalistin, die ihre Beobachtungen festhält und in einer Zeitung für die Masse veröffentlicht. So erfahre etwa ich von Kriegsverbrechen in Syrien, von Amokläufen in den USA, von Ebola-Ausbrüchen in Sierra Leone: weil mir Journalist*innen Informationen aus diesen Ländern aufbereiten und anbieten.

An dieser Stelle ist aber aufzuhorchen. Auch wenn die Arbeit von Journalist*innen darin besteht, Informationen zu vermitteln, irrt man, wenn man annimmt, man bekäme durch eine Nachrichtenerstattung je ein allumfassendes Bild der Sachlage. Schon durch die Auswahl der relevanten Informationen wird das Bild, das wir erhalten, zugeschnitten. Die Art und Weise der Präsentation formt das Narrativ. Und dahinter muss sich keine fiese Agenda eines Mega-Konzerns verstecken. Das muss keine Propaganda-Strategie der Regierung sein, die nicht will, dass die Bevölkerung an wichtige Informationen kommt. Wenn man Informationen versprachlicht, verkürzt man sie automatisch. Man spricht Ereignissen eine Linearität zu, die die Realität nie hat, markiert die Informationen, die man teilt, als erwähnenswert, solche, die man weglässt, als nicht erwähnenswert, man stiftet Zusammenhänge, wo intrinsisch keine waren. Das ist kein Teufelszeug, das ist Teil der Beschaffenheit des Mediums. Darüber muss man sich im Klaren sein.

Dennoch kommt mit dem Format eines Nachrichtenjournals ein gewisser Wahrheitsanspruch daher, denn wir unterstellen den Journalist*innen den Anspruch, möglichst objektiv zu sein. Immerhin dient die Pressefreiheit in Deutschland genau dafür: Journalist*innen unterliegen keiner staatlichen Zensur. Sie dürfen über genau das schreiben, was sie in der Realität vorfinden. Da wir diese Unparteilichkeit für so wichtig halten, dass wir sie in unserer Verfassung schützen, erwarten wir sie im Rückschluss auch.

Anders ist das etwa bei Facebook-Postings. Liest man in regionalen Facebookgruppen von Diebstählen im lokalen Supermarkt und hört, dass diese mit einer neu errichteten Erstaufnahmeeinreichtung für Geflüchtete in Verbindung gebracht werden, sind das zunächst nur die Aussagen eines Individuums ohne zugeschriebene soziale Rolle und dadurch sowieso der Subjektivität unterworfen. Zusätzlich unglaubwürdig (bis haarsträubend-absurd) wird eine solche Aussage für mediengeschulte Bürger*innen besonders, wenn sie außerdem zum Anlass genommen wird, um gegen Geflüchtete zu hetzen.

Das Verschwimmen von Korrelationen (Ereignisse, die gemeinsam auftreten, deren Zusammenhang aber, sofern er denn besteht, nicht geklärt ist) und Kausalitäten (Ereignisse, die in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zueinanderstehen) ist enorm gefährlich. Unabhängig davon, ob es absichtlich geschieht oder aus einem engstirnigen Weltbild geboren wird: Kausalitäten zu vermuten, wo lediglich Korrelationen bestehen, führt zu dem entsetzlichen Trugbild, unsere Welt wäre ohne Weiteres in solch simple Kategorien einzuteilen. Es propagiert die Idee einfacher Lösungen. Wenn eine ansteigende Anzahl von geflüchteten Personen bedeutet, dass mehr Diebstähle begangen werden, scheint die Lösung einfach: weniger Geflüchtete, weniger Diebstähle. Und ins Extrem gesteigert: Keine Geflüchtete, keine Diebstähle. Was natürlich grober Unfug ist, sich aber in Parolen der AfD durchaus abzeichnet.

In unserer Zeit, in unserer Generation erhalten viele junge Menschen ihre Informationen eher über die sozialen Netzwerke als über alteingesessene Zeitungsformate. Das hat seine Vor- und Nachteile. Dank Facebook, Twitter, Instagram, dank dem Internet ist es für mich viel einfacher, an Augenzeugenberichte zu kommen, als es das für meine Eltern war. Die March-For-Our-Lives Bewegung zeigt das ganz gut: da läuft viel über social media und wir erhalten ganz unvermittelt Informationen, Erlebnisberichte von den Betroffenen, die in der Narrativprägung bisher immer benachteiligt waren, weil die NRA bisher immer mehr Geld und auch mehr Kontakte hatte. Das ist ein Vorteil.

Ein Nachteil ist, dass Meinungen leicht als Fakten missverstanden werden. Dass wir die omnipräsente Subjektivität manchmal vergessen, weil wir uns so an sie gewöhnt haben, dass sie praktisch unsichtbar wird. Ein Nachteil ist auch, dass wir in unseren eigenen Filterblasen stecken bleiben: abweichende Daten erreichen mich nicht, weil ich vor allem mit Menschen vernetzt bin, die mir gleichgesinnt sind.

Und Fakt ist: ganz werden wir dieser Subjektivität nicht beikommen. Weder in den sozialen Netzwerken noch im seriösen Journalismus. Denn auch in den Journalist*innen in ihren Rollen als objektive Nachrichtenvermittler stecken Individuen, die Überzeugungen haben, von denen nur eine gewisse Anzahl durch Reflexion und Introspektion erkennbar und dadurch kontrollierbar wird.

Aber mit einem verantwortungsvollen Umgang mit Medien kann es uns gelingen, die Störfaktoren aus den Schlussfolgerungen herauszuhalten, die am Ende unserer Rezeption von Nachrichten stehen. Womit wir wieder bei der Skepsis wären, die im Umgang mit Informationen das Urvertrauen unglücklicher Weise schlägt. Ihre Anwendung kann damit beginnen, dass wir uns bewusstwerden, dass jede Äußerung, der wir in unserem Leben begegnen, intentional geäußert wurde, und wir entsprechend fragen, wer eine Aussage trifft und wieso. Es kann damit beginnen, sich bewusst zu machen, was die intrinsischen Eigenschaften einer verbalen Äußerung sind (Linearität, Fragmentcharakter, Markierung…). Es kann mit einer Analyse der Form der Äußerung beginnen: Welche Auswirkung haben zum Beispiel vollkommen arbiträre Prozentzahlen auf unsere Bereitschaft, Fakten als wahr zu akzeptieren? Es kann auch die Interpretation von den erhobenen Daten eine Rolle spielen: Was untersucht eine Studie? Was heißt es, wenn am Ende das Ergebnis 17%  sind? 17% wovon? Was wird eigentlich gemessen? Welche Variablen werden kontrolliert? Und so weiter und so fort.

Aber ein solcher Umgang ist uns nicht von Gott, dem Universum oder der Muttermilch gegeben. Nicht mal uns, die wir mit Smartphones groß geworden sind. Eine Frechheit sollte man meinen. Aber aufregen bringt nichts. Was etwas bringt, ist: lernen. Es sich in Eigenregie aneignen. So früh wie möglich. So schnell wie möglich.

Das geht auf vielfältigste Weise. Man kann sich Wissen dazu anlesen, man kann Veranstaltungen besuchen (beispielsweise Vorlesungen der Medienwissenschaft, das geht oft auch als Gasthörer), man kann auch im Internet nach Informationen und Lektionen suchen. Wie man es macht, ist jedem selbst überlassen. Für jeden mag ein anderes Format funktionieren.

Was sich für mich als hilfreich erwiesen hat, sind die beiden recht neuen Kurse von Crash Course auf Youtube: Statistics & Media Literacy. Beide sind allerdings in englischer Sprache verfasst. Englische Untertitel sind verfügbar (für Statistik auch spanische und arabische), deutsche bislang noch nicht.

Wo habt ihr den Umgang mit Medien gelernt? Was sind eure Geheimtipps, um die Informationen, denen ihr begegnet, erstmal zu relativieren, bevor ihr sie akzeptiert? Erzählt uns davon. Erzählt einander davon.


Und dann: lasst uns da gemeinsam unsere mediale Mündigkeit erklären und beschützen,
eure Kira

Kommentare on "Über die Skepsis im Umgang mit Medien."
  1. Liebe Kira,

    Ein sehr wahrer und gut geschriebener Beitrag!
    Ich finde es auch immer wieder erschreckend, wie viel von Bekannten als wahr akzeptiert und dann auch weiter verbreitet wird... und das nur, weil es auf Facebook einer geschrieben hat.
    Generell werden oft Zusammenhänge geschlossen, wo keine bestehen. Nur weil manche Personen diese eben sehen wollen.
    Natürlich kann man nicht nur den Medien die Schuld zukommen. Eine Mitschuld tragen sie aber trotz alledem, immerhin sind Journalisten nicht blöd und wissen, wie viele Menschen ihre Berichterstattung auffassen werden. Gerade jetzt in Zeiten der FlüchtlingsKrise kann man das gut beobachten.
    Ich versuche immer wieder meine Freunde und Familie dahin gehend zu sensibilisieren. Bevor man etwas glaubt, was Facebook oder ein kurzer Tweet oder sogar eine Erwähnung in den RTL Nachrichten behaupten: Informiert euch ausführlicher. Und wenn ihr dazu keine Lust habt, dann solltet ihr euch nicht anmaßen über dieses Thema diskutieren zu können. Halbwissen isr ist gefährliches Wissen.
    Niemand kann alles wissen. Maße ich mir auch nicht an. Aber in Zeiten des Internets und der Smartphones ist es jawohl nicht zu viel verlangt, einfach mal kurz eine Recherche zu einem Thema zu betreiben, wenn man darüber sprechen möchte. Und dann mal lieber 10 Minuten Facebook auslassen.

    Liebste Grüße
    Jenny

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    1. Liebe Jenny,

      es ist genau, wie du es beschreibst: Ambiguitäten in der Berichterstattungen sollten gerade Journalist*innen bewusst sein, weil ihr Job nun einmal in Reflektionsprozessen besteht. Oft werden sie trotzdem stehen gelassen, weil sie die Wirkung (zu polarisieren, zu schocken, zu skandalisieren) oft genug erfüllen.
      That being said: am Ende müssen wir unsere Reaktionen darauf kontrollieren, unseren Umgang mit Information reflektieren, damit wir unsere Mündigkeit nicht verschwenden bzw verwässern. Und ein guter Ansatz ist immer zu Recherchieren. Verschiedene Quellen, ein bisschen auch jenseits der vertrauten Wege, um die Filterblase etwas aufzubrechen.
      Obwohl das Internet kein Neuland für uns ist, braucht das aber meistens Anleitung und zumindest einmal konkrete Benennung wichtiger Schritte. Und wenn Sensibilisierung der erste Schritt ist (wie so oft!), bin ich froh, meinen Beitrag leisten zu können.

      Liebste Grüße zurück,
      Kira

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