#redmylips endet am 30. April - die Message dahinter nicht

Sonntag, 22. April 2018
Triggerwarnung: Beschreibung einer Verfolgungsszene.
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#redmylips.

Das geisterte den ganzen April, und das wird hoffentlich weiterhin tun, durch Twitter und weitere Social Media Plattformen. Männer und Frauen tragen roten Lippenstift oder kleine abwaschbare Tattoos, um Aufmerksamkeit für sexualisierte Gewalt und Victim Blaming zu generieren. Dazu gehört auch: Die persönlichen Schilderungen Betroffener, das wiederholte Gespräch darüber, das, was man immer wieder führen muss.

Ich muss nicht bei Adam und Eva anfangen und erklären, weswegen es so wichtig ist, darüber zu sprechen und sich zu positionieren und auch Unterstützung und Solidarität mit Opfern von sexualisierter Gewalt und Victim Blaming zu zeigen. Wir haben in den Medien Donald Trump und Harvey Weinstein und das sind nur Beispiele für Prominente, die sich frauenverachtend und -erniedrigend zeigen.

Sexualisierte Gewalt passiert großen wie in kleinen Kreisen, vielen Menschen, die wir nicht kennen und Menschen, die wir kennen, ohne das darüber gesprochen wird.

Darüber zu sprechen, heißt auch, über das Ergebnis eines patriarchischen Systems zu sprechen, über ein Ergebnis, womit wir in Gesellschaft und Kultur immer noch aufwachsen, was wir von kleinauf als ein Gegebenes hinzunehmen lernen sollen.

Let’s talk about all that.


Sexualisierte Gewalt und Victim Blaming

Ich bin von der Unibibliothek nach Hause gefahren, wie jedes Mal, zweimal mit der U-Bahn umsteigen. Hab mich hingesetzt. Musik in den Ohren gehabt. Rausgeguckt. Bemerkt, dass mich jemand anguckt. Bemerkt, dass der Typ mir gegenüber mich anstarrt und nicht mal wegguckt, wenn ich hingucke. Ich habe es ignoriert, auch wenn es die zehn Minuten, die ich in der U-Bahn sitzen musste, unangenehm war. Und war froh, als ich raus war.
Wo sich dann herausstellte, dass dieser Mensch auch ausstieg. Ich fand die ununterbrochene Beobachtung beim Fahren unangenehm und hab mich beeilt, um zu meiner Umsteigebahn zu kommen, damit ich das hinter mir lassen kann. Hab dann mitgekriegt, dass er anscheinend in die gleiche Richtung muss. Ich hab mich beeilt und wollte weg, bin ein paar Schritte die Rolltreppe hochgegangen, blieb stehen. Der stellte sich dicht hinter mich. Ich hab ihn atmen gehört. Ich fing an, die Rolltreppe hochzulaufen, der fing an die Rolltreppe hochzulaufen. Als ich losgerannt bin, hab ich zurückgeguckt und gesehen, dass er mir hinterherrennt.

Die Story hat ein glimpfliches Ende: ich bin zu meiner anderen U-Bahn Haltestelle gerannt, wo viele Leute gewesen sind und habe mich hinter einer Wand versteckt. Ich hab den Typen danach auch nie wieder gesehen, auch als ich in die U-Bahn eingestiegen, gelähmt und ahnungslos gewesen bin, was ich jetzt tun soll und wie mein Handy funktioniert und wie ich eine Nachricht schreibe. Ich zehn Minuten lang heulend dagesessen und die Leute haben mich mitleidig angesehen, erst danach habe ich es geschafft, meiner Schwester einer Nachricht zu schicken, die mich sofort angerufen hat.
Es ist vielleicht nicht das Schlimmste, was mir zu dem Zeitpunkt passieren hätte können und vielleicht wäre nichts passiert, aber es verdeutlicht den Punkt, den ich machen will: es passierte plötzlich und es passierte an einem Ort, an dem ich momentan zweimal am Tag, viermal die Woche befinde. Es passierte ohne Vorwarnung und ohne, dass ich es erahnen konnte und ohne, dass ich irgendetwas gemacht hatte oder dagegen hätte tun können. Ich bin nicht unvorsichtig gewesen: Etwas Ähnliches ist mir noch zweimal danach passiert, wo ich die Erfahrung schon gemacht hatte.

Punkt zwei der Geschichte: Was danach passierte. Ich habe sehr geheult und konnte nicht sprechen. Das so ziemlich Erste, was an mich herangetragen worden ist, war: „Du warst nicht mal auffällig angezogen. Kein Röckchen. Nur der Lippenstift.“ (Fast ironisch: Er war rot.) Ich wurde noch gefragt, wie ich mich verhalten habe. Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Auch sagte man mir anschließend: „Du hättest schreien müssen.“ „Du hättest zu Menschen rennen müssen.“ Hätte, hätte, Fahrradkette. Mich hätte niemand verfolgen müssen.

Erst sehr weit am Ende des Gesprächs kam die Frage nach dem Typen: „Was war das für einer?“
Das Geschehene wurde zuerst auf mich projiziert, wie ich es verursacht haben oder eben nicht verursacht haben könnte, bevor infrage gestellt wurde, wieso jemand jemanden anderen verfolgen könnte; zwar hat niemand zu mir gesagt, dass es meine eigene Schuld ist, aber es hat das Licht gezeigt, in dem Opfer und Täter stehen. Erst war die Frage danach, ob ich es vielleicht provoziert habe – durch meine Kleidung, durch mein Make-Up, durch mein Verhalten vielleicht. Dabei ist hier die Wurzel doch derjenige, der die Gewalt ausübt und sollte nicht an demjenigen hängen, der sie erfährt. Denn der Verursacher, der Täter, ist es, der Macht demonstriert, denn genau das ist, physische wie psychische sexualisierte Gewalt. Die Demonstration von Macht, ein Ich-Nehme-Mir-Was-Ich-Will, Weil-Ich-Es-Kann. Und es wird mit Victim Blaming geduldet und gehuldigt.

The is the shit

Die Frage, die man vorneweg stellen muss, ist doch: Wieso passiert das überhaupt? Wieso passiert sexualisierte Gewalt? An aufreizender Kleidung oder Attraktivität einer Person kann es schwerlich liegen; denn nicht jeder, der mal jemanden trifft, zu dem er sich hingezogen fühlt oder vielleicht sogar weniger als das, wird diesen Menschen sexualisierte Gewalt zufügen.
Allgemeiner also hier ein Modell:

Eigentlich von pcar.org, gefunden bei redmylips.
Sexualisierte Gewalt fängt nicht in dem Moment an, in dem es zur Tat kommt. Es fängt schon weit vorher an. Es fängt mit Ideen und Schubladen an, in die binäre und nicht-binäre Geschlechter gesteckt werden und die dann an die nächste Generation weitergeben werden; um mich jetzt auf die binären Geschlechter zu beziehen (was jedes andere Geschlecht von sexualisierter Gewalt nicht unbetroffener macht), ist es beispielsweise das Denkmuster vom starken (männlichen) Geschlecht und dem schwachen (weiblichen) Geschlecht.
Hierbei entsteht ein Machtgefälle, das nicht nur historisch (ich werde nicht erst mit Frauenrechten anfangen) sichtbar ist, sondern auch in aktuellen branchentechnischen Machtgefällen, im Elternzeit nehmen, in Stimmen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, auch wie man wahrgenommen wird und und und. Das kann man ewig ausführen. Aber auf dieses Gefälle will ich als mögliche Mitursache anpieksen.

Wenn wir jetzt von der Statistik ausgehen, die Jackson Katz im TED Talk nennt, dann sind 90-98 % der Täter männlich und der Großteil der Opfer ist weiblich. Die Erklärung hierfür ist so simpel wie kompliziert: Die Schubladisierung, die gesellschaftliche Erziehung, töpfert immer noch zwei Bilder: Der Mann, der beherrscht, die Frau, die beherrscht wird. Und weil der Mann beherrscht, nimmt er sich, was er will und weil er es kann. Dann sind es alle anderen, die empfindlich sind; dann wird sexuelle Belästigung bagatellisiert. Dann heißt es, nach der Vergewaltigung des Mädchens in Stanford, dass man doch hinterfragen sollte, ob man dem Mann, der sie traumatisiert zurückgelassen hat, wirklich eine lange Haftstrafe geben sollte, für etwas, was nur zwanzig Minuten gedauert hat?

Ich muss hier nicht weiter ausführen. Der Punkt ist klar. Klar sei auch, dass nicht nur Frauen Opfer sexualisierter Gewalt werden. Menschen jeden Geschlechts werden Opfer sexualisierter Gewalt. Männer werden Opfer sexualisierter Gewalt. Auch durch Männer. Die Dunkelziffer ist hier sehr viel größer. Und das gibt den Anstoß zum Nachdenken. Sowohl was die Dunkelziffer angeht, als auch was die Prozentzahl der männlichen Täter angeht.

Keiner wird zum Täter erzogen, aber schon immer eingetrichtert zu bekommen, dass es sein muss, dass man stark ist und dass man sich zu nehmen hat, was man will und dass man alles bekommen wird und man es sich ansonsten, weil man so privilegiert ist, einfach nimmt, gibt den Anstoß, aus welcher Ecke es kommt. Wir haben es hier mit einem toxischen Bild der Maskulinität zu tun, die keine Täterschaft rechtfertigt – ich wiederhole, nicht jeder Mann wird zum Vergewaltiger – aber das Bild einer Gesellschaft spiegelt, die erst in den letzten Jahren, gerade durch willensstarke Frauen, die laut in der Öffentlichkeit geworden sind und sich zur Wehr gesetzt haben, erkannt hat, das ein Geschlecht im zwei Geschlechter-System zurückgesetzt wurde.

Diese schädliche, aber verlangte Männlichkeit ist nicht die Ursache, aber spielt in diese hinein. Und ist mit Sicherheit eines der großen Erklärungen, wieso von Männern nicht über Gewalt, die ihnen - egal, ob von Mann oder Frau oder einem anderen Geschlecht – widerfahren ist, sprechen.

Auf die Gefahr hin, dass ich es wiederhole: Sexualisierte Gewalt kann jedem passieren, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, seinem Alter, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seines Geschlechts, seines Aussehens, seines sozialen Status'. Es kann plötzlich passieren, an bekannten Orten, mit Menschen, die fremd sind, aber auch mit Menschen, die man kennt und/oder liebt.

Roter Lippenstift sitzt. Und wenn der April vorbei ist?

#redmylips ist genau dafür da. Es ist ein internationaler Hashtag, unter dem Menschen von überall her drauf reagieren und Bilder und Geschichten damit hashtaggen. Und gerade daran sieht man, wie wichtig das Spreaden von Aufmerksamkeit dafür ist.

Ich trage immer noch roten Lippenstift. Und wenn mich die Recherche des Beitrags eines gelehrt hat, dann wie unumgänglich, wie aktuell, wie schmerzhaft, aber eminent dieses Thema ist. Dass man immer wieder den Dialog suchen muss, immer wieder nach den Ursachen, nach der Wurzel des Problems und dass man an diesem arbeiten muss und nicht einfach mit den Ergebnissen. Mit denjenigen, die betroffen sind, muss man sprechen und zuhören, erfahren, wie damit umgegangen worden ist, denn Victim Blaming ist ein No-Go und immer noch zu vielfach da.

Alles, was geschieht, sollte man nicht in ein vorgefertigtes Licht stellen lassen, sondern in den Schatten sehen und erkennen, was ausgeblendet wird und wieso das geschieht und das an die Oberfläche bringen. Nicht verurteilen, sondern Empathie zeigen, denn das Opfer ist nie schuld daran, was passiert ist. Das kann eine berühmte Promi-Dame sein, die nur ihren Erfolg bekommt, wenn sie sich auf einen fragwürdigen Produzenten einlässt; das kann ein mittelalter Familienvater mit einer übergriffigen Frau sein. Das Opfer hat kein Standard-Gesicht, es hat keine Standard-Vorgeschichte und es wird niemals darum gehen, ob es sich in irgendein Terrain gewagt hat, wo es angeblich unvorsichtig gewesen ist.

Bei sexualisierter Gewalt und Victim Blaming sieht es derzeit nicht so aus, als hätte es ein Ablaufdatum. Auch wenn der April vorbei ist, bleibt das Thema und auch wenn wir dann nicht mehr offiziell mit rotem Lippenstift Awareness dafür aufbringen können, sollte der Faden hier nicht abreißen. Weiter darüber sprechen und Aufmerksamkeit beschaffen heißt es auch in allen weiteren Monaten des Jahres.

Alisha

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Quellen, bei denen ich mich belesen habe, zugehört und oben noch nicht als Hyperlink gesetzt habe. Darunter weitere Empfehlungen von Poetry-Slams von Betroffenen sexualisierter Gewalt.

http://www.redmylips.org

Sierra de Mulder
Blythe Blaird

Das Skepsiswerke-Team mit roten Lippen, entsprechend #redmylips.


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