Jugendbücher – von großer Kraft & großer Verantwortung

Sonntag, 15. April 2018
Wenn ich auf goodreads durch die Reviews & Status-Updates meiner Freunde (und Freundes Freunde) scrolle, stolpere ich mal nach kürzerem, mal nach längerem Scrollen, aber unweigerlich über die Aussage: „Eigentlich lese ich ja kein New Adult mehr, aber der Hype um dieses Buch hat mich meine Vorsicht einmal mehr über Bord werfen lassen.“ Und meistens folgt dann eine Rezension, die deutlich macht, dass all die Dinge, die der*die besagte Rezipient*in eh schon an dem Genre hasst, auch hier wieder Einzug gehalten haben.

Was … ich verstehen kann. Und schade finde.

Aber nicht, weil ich das New Adult Genre verteidigen möchte. Oder prinzipiell davon abrate, es zu lesen.

Ich finde bloß, dass wir einer wichtigen Debatte ihre Tiefe nehmen, wenn wir uns auf die Probleme von Subgenres konzentrieren, die ursprünglich nur Zielgruppenbezeichnungen waren und darin nicht mehr als Altersempfehlungen, ähnlich denen, die wir von Filmen kennen.

Wieso ein Jugendbuch?


Es gibt eine ganze Reihe völlig legitimer Gründe, sich den Lebensalltag von Teenagern anzugucken, die - dem amerikanischen Vorbild folgend – noch in der High School stecken oder gerade aufs College kommen, und diesen anschließend literarisch zu verarbeiten. Diese Phasen sind in der menschlichen Entwicklung essentiell. Wir finden heraus, wer wir sind, wer wir sein wollen, wie die Welt funktioniert und das Zusammenleben mit anderen. Wir sehen uns einer Desillusionierung nach der anderen gegenüber, erfahren (häufig) erstmals von der dunkleren Seite des Lebens, die die wehtut und Angst macht und im Angesicht ihrer Ausweglosigkeit lähmt. Und anstatt an der zunehmenden Unsicherheit zu zerbrechen, anstatt von ihr eingeschüchtert zu sein, wird von uns erwartet, am Ende als mündige*r Bürger*innen auf eigenen Beinen stehen zu dürfen.

Das ist eine verdammt große Aufgabe. Und es ist verdammt hilfreich, wenn sich jemand an unsere Seite stellt, während wir das schaffen sollen. Das sind idealer Weise unsere Freunde, unsere Familie, unsere Lehrer*innen. Aber es sind auch immer wieder die fiktionalen Charaktere, denen wir begegnen – und fiktionalen Charakteren in entsprechenden Alter begegnen wir in Jugendbüchern.

Völlig egal, ob sie der Phantastik, der Sci-Fi oder den realistischen Werken entspringen.

Harry Potter ist das Phänomen geworden, das es ist, weil wir mit den Charakteren groß geworden sind, weil die Themen der Charaktere zeitgleich unsere Themen waren: Freundschaft, Zugehörigkeit, erste Liebe, Neid, Vorurteile, unsere Sterblichkeit, Mut, das Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein, weil die Autoritäten versagen, …

Das sind unsere Themen.

 Die Dystopien-Diät


Wie sehr es unsere Themen sind, zeigt sich derzeit zum Beispiel in Amerika. Derzeit mobilisieren sich in Amerika sehr viele Jugendliche, um nach einem weiteren Amoklauf gegen amerikanischen Waffengesetze zu demonstrieren. Hier könnt ihr nachlesen, was Laura dazu für Skepsiswerke bereitsgeschrieben hat. In jedem Fall muss man den Schüler*innen, die dort ihre Zukunft nicht nur in die Hand nehmen, sondern auch in ein Mikrofon brüllen, um nicht übersehen zu werfen, dafür bewundern, dass sie in den Nachwirkung einer solchen Traumas so füreinander aufstehen und zur Stelle sind, wenn die Erwachsenen und besonders die Politiker es mal wieder nicht sind. So entsetzlich die Umstände auch sind, gegen diese Kinder demonstrieren müssen, es gibt Hoffnung für die Zukunft, weil wir hier gerade vor Augen geführt bekommen haben, dass wir einer Generation angehören, der die Welt nicht egal ist.

Woran das liegt?

Jennifer Ansbach (@JenAnsbach) twitterte am 18. Februar Folgendes:



Und ist es nicht so?

Sind das nicht die Kinder, die von einer Katniss Everdeen gelesen haben? Sind das nicht die Kinder, die von Tris & Four gelesen haben? Sind das nicht die Kinder, die von Cinder gelesen haben, von Scarlet, Cress & Winter? Die als Eingeweihte ebenfalls zur Illuminae Group gehören? Haben sie nicht neben Harry auch Dumbledore’s Armee begleitet? Wissen sie nicht, dass jenseits von den Auserwählten auch die Massen einen Unterschied machen, die Massen, die Nein sagen, auch wenn es gefährlich ist, auch wenn es Gegenwind gibt?

Sicher – in Amerika kommen derzeit viele, viele, viele Faktoren zusammen, die den Boden für solche Bewegungen fruchtbar machen. Mit Trump als Präsidenten hat der Widerstand in Form von Aktivismus nicht nur Aufschwung, sondern Notwendigkeit erhalten. Es ist bei Weitem nicht der erste Amoklauf gewesen, nicht das erste Mal, dass ein Beharren auf dem second amendment Leben fordert, und Amerika sich zwar ein paar prayer & thoughts abringt, aber keine Taten ergreift. Und die March For Our Lives Bewegung hat sehr starke (sehr junge) Menschen, die es schnell geschafft haben, weltweite Aufmerksamkeit zu generieren.

 Wir als Produkt unserer Bücherregale


Aber es ist doch nicht von der Hand zu weisen, wie sehr uns Bücher prägen, die wir in Zeiten lesen, in denen wir selbst auf der Suche nach Antworten sind. Ein sehr aktuelles Beispiel dafür, wie sich solche Bücher auf uns auswirken können, könnt ihr in meiner letzten Rezension zu Es war einmal Aleppo nachlesen.

Ein anderes Beispiel wäre die Bis(s)-Reihe und wie sehr sie die Einstellung zu akzeptablen, romantischem Verhalten geprägt hat. Edward, der sich ohne Bellas Wissen in ihr Zimmer schleicht & sie nachts beobachtet? Jacob, der Bella droht, sich im anstehenden Kampf umbringen zu lassen, es sei denn, sie gibt ihm einen guten Grund, es nicht zu tun (= gesteht ihm ihre Liebe, küsst ihn). Wow. Kein Wunder, dass ich mich in einen Jungen verliebt habe, der mich mehr als einmal darum hat bitten lassen, er möge sich nicht umbringen.

Tatsächlich wird es an dem Jugendbuch, das ich derzeit lese, noch deutlicher. „Herz im Gepäck“ von Brigitte Blobel war, als ich vierzehn oder fünfzehn war, eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Eine Liebesgeschichte, aber mit Schmackes. Mit Tiefgang. Ich hab’s irgendwem geliehen und hab es nie zurückbekommen. Durchs Stöbern in deutschen Jugendbuchlisten bin ich vor eine guten Woche über den Namen der Autorin gestolpert und eine kurze Googlesuche später auch auf das Buch selbst gestoßen. Ein paar Tage später hielt ich es in den Händen, bereit in den Reread zu schliddern.

Und jenseits der Dinge, die mir auffallen, weil ich sie heute nicht mehr unkommentiert lassen kann – ableistische und lookistische Äußerungen, Ansätze von slutshaming – ist es, als würde ich in eine Zeitmaschine steigen und mir durch einen abgefahrenen Spiegel die Kira angucken, die sich zum Einen von diesem Buch zu etlichen Stories hat inspirieren lassen, die diesem Buch aber zum Anderen vor allem auch geglaubt hat.

Ich habe ihm geglaubt, dass Menschen attraktiv sind, die sich Gedanken um die Welt machen, die wütend sind, wenn sie sich die Welt angucken, und manchmal traurig, und die finden, dass man in ihr etwas bewegen muss. Menschen, die diese Emotionen ausdrücken.

Ich habe ihm geglaubt, dass es unfair ist, auf Menschen herabzublicken, die anders sind als du – auf eine andere Schule gehen, einen anderen sozialen Hintergrund haben, die weniger Privilegien haben als du.

Ich habe ihm geglaubt, dass man sich lossagen muss, von denjenigen, die in solchen Denkmustern verweilen wollen. Selbst dann, wenn sie vor dem Gesetz noch das Recht haben, über dich zu bestimmen.

Und ich könnte euch die genauen Punkte meiner Biographie aufzeigen, an denen diese Überzeugungen gegriffen haben. Nicht, weil ich so sein wollte wie Julie. So bewusst ist mir das nie gewesen. Aber rückblickend ist es nicht zu leugnen. Meine erste große Liebe ist die logische Schlussfolgerung dieser Lektüre.

Was einmal mehr zeigt, dass Jugendbücher eine verdammt große Wirkung haben.

Nicht nur auf mich.

Ein gutes Jugendbuch


Auf Twitter habe ich danach gefragt, welche Jugendbücher am besten gefallen haben und wieso. Genannt wurden aktuelle realistische Titel wie »Simon vs. The Homo Sapiens Agenda« , »The Upside of Unrequited«, »The Fault in Our Stars«, »Looking for Alaska«, »The Perks of being a wallflower«, aber auch aktuelle Titel aus dem Bereich des Phantastischen: »The Gentleman’s Guide to Vice & Virtue«, »Six of Crows«, »The Rebel of the Sands« und »State of Sorrow«. Und Klassiker! Ronja Räubertochter, die Unendliche Geschichte. Der Fänger im Roggen. (Und erstaunlicher Weise kein einziges Mal Harry Potter!)

Unterschiedlichste Geschichten, die den Sprung auf das Jugendbuch-Podest allesamt wegen mehr oder weniger derselben Erklärung geschafft haben:

„weil [es] zeigt, dass es ein Leben nach dem Überleben gibt“ – „weil [es] mich gelehrt hat, dass Heldinnen auch mal egoistisch sein dürfen“ – „[es] stellt so wichtige Fragen, damit der Leser nicht nur seine Ansichten, sondern auch sich hinterfragt“ – „[es] hat mir gezeigt, dass man sich nicht von seinen Vorurteilen beherrschen lassen muss“ – „weil ich mich mit seiner existenziellen Angst so gut identifizieren kann“ – „eine zart angedeutete Liebesgeschichte, aber noch viel wichtigere Freundschafts- und Familienbeziehungen“ – „weil sie authentisch wirken und wichtige Themen aufgreifen“

Kurz gesagt: authentische Charaktere & wichtige Aussagen. Und damit ist das Jugendbuch gerade für Belange der richtigen, respektvollen Repräsentation, einer Sensibilisierung für Privilegien, einen Erstkontakt mit Lebensentwürfen, die mit unserem nichts zu tun haben, so ein wichtiges Medium. Hier begegnen Leser*innen erstmalig und von da an immer wieder den großen Fragen ihres Lebens, den wichtigen Fragen der Menschheit, seien diese individueller, politischer oder existenzieller Manier.

 Eine große Kraft. Aus der große Verantwortung folgt.


Es geht nicht um Antworten. Ein Jugendbuch muss keine Doktrin sein. Aber es sollte zeigen, wie man an Antworten herankommt, wo sie sich verbergen könnten, was man tun, wenn man sie nicht sofort findet, wenn man vielleicht überhaupt keine Hoffnung hat, sie jemals zu finden. Es muss seinen Leser*innen dabei helfen, ihr Leben besser bewältigen zu können. Wie es das macht, ob es ermutigt oder Augen öffnet oder hoffnungsvoll stimmt oder mit der Welt versöhnt oder mit Autoritäten bricht oder, oder, oder, ist zweitrangig, solang es nur diese Aufgabe ernstnimmt.

Und auf diese Weise sollten auch wir das Genre ernstnehmen.

Das Problem am New Adult Roman ist nicht das College Setting. Es ist auch nicht das Sixpack des Love Interests. Oder die schwierige Vergangenheit der Protagonistin.

Probleme bestehen, wo der Love Interest immer weiß, immer able-bodied, immer cissexuell, immer hetero ist. Probleme bestehen, wo die Begegnung mit dem Love Interest die traumatische Vergangenheit auf beinahe magische Weise überwinden.

Probleme bestehen, wo die Bücher zu kurz treten. Wo sie ihre Aufgaben nicht ernstnehmen. Wo sie ihre Charaktere vernachlässigen und Lesern damit Chancen nehmen, Repräsentation zu finden. Wo sie ihre Leser*innen für blöd verkaufen, weil sie komplexe Themen aufmachen, sie aber in ihrer Komplexität nie stehen lassen. Wo sie gefährliche Stereotype und schädliche Narrative reproduzieren anstatt Weltbilder und damit Geister zu öffnen.

Weil Bücher, und Jugendbücher mehr als viele andere Genres, eine Verantwortung haben. Eine Verantwortung für ihre Leserschaft.

Und genau dort sollte unsere Kritik ansetzen. Dort sollten wir einhaken, wenn wir loben oder verteufeln. Dort sollte diese Debatte Fuß fassen, wachsen und in konstruktiver Kritik erblühen.
Damit die Schüler und Schülerinnen Amerikas nicht alleine stehen müssen. Damit überall Menschen aufstehen. Menschen, mit denen sich in den nächsten Jahren und nächsten Jahrzehnten eine Welt nicht nur gestalten, sondern retten lässt. Denn das wird unsere Aufgabe sein, ob wir es einsehen wollen oder nicht.

Und wenn Jugendbücher unsere Schulen, Protagonisten unsere Mentoren und Fandoms die Nester, in denen unsere Reformen, Revolutionen und Rebellionen erwachsen, dann sollte jeder von uns wissen, was er zu tun hat.

In diesem Sinne: an die Bücher, fertig, los.
Eure Kira ♥
Kommentare on "Jugendbücher – von großer Kraft & großer Verantwortung"
  1. Liebe Kira,
    was für ein schöner Beitrag und wie Recht du damit hast! Leider werde ich das Gefühl nicht los, dass sich viele Autor*innen dieser Verantwortung nicht im geringsten bewusst sind und welche Werte sie ihren jungen Leser*innen mit auf den Weg geben. Erst letzte Woche bin ich in einem Jugendbuch einer deutschen Autorin wieder auf Sätze wie "Der Nebencharakter ist so fett!" und "Der sieht wirklich hässlich aus." gestolpert und habe es sofort abgebrochen. (Die Beispiele sind auch noch völlig harmlos im Gegensatz zudem, was ich sonst schon so lesen durfte.)

    Traurig daran: Diese Sätze sind leider kein Einzelfall. Man findet sie in jedem zweiten Jugendbuch und ich könnte mittlerweile eine Strichliste darüber führen. Diese imaginäre Liste hat auch meine anhaltende Leseflaute ausgelöst.
    Ich wünschte mir, dass sich mehr Autor*innen ihrer Wirkung und Verantwortung bewusst wären.

    Danke für deinen Beitrag :-*
    Nadine

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    1. Nadine,
      entschuldige, dass die Antwort so spät kommt.

      Ich sehe das leider wie du. Oft genug sind sich die Autor*innen der Verantwortung nicht bewusst, glauben viel mehr, sie müssten sich nicht so viel Mühe geben mit Plot und Charakterentwicklung, weil ein junges Publikum oft bereiter ist, Absurditäten zu glauben. Ganz beängstigend. Gerade auch wenn es an eine Prägung der Wahrnehmung geht, genau wie du sie ansprichst. Muss das sein? Ganz sicher nicht.
      Aber es ist eben an uns, das in Zukunft auch einzufordern beziehungsweise einzubringen als Autorinnen. Deshalb nicht die Hoffnung aufgeben, gerade nicht fürs Jugendbuch.

      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Liebste Grüße,
      Kira

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  2. Ein wirklich toller Beitrag, der viel mehr Beachtung verdient hätte! Denn du sprichst die so wichtige Vorbildfunktion, die leider sowohl von Autor*innen als auch erwachsenden Rezensent*innen nur zu gern unter den Teppich gekehrt wird. Das fängt an mit Umdeutungen von sehr bedenklichen Verhalten zu romantischer Leidenschaft und hört nicht auf mit der beiläufigen Exklusion von allem, was nicht "Standard" ist. Und nein, grad jugendliche Leser*innen können nicht mal eben ein Buch komplett kritisch reflektieren. Das schaffen ja schon Erwachsene kaum ...

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    1. Hallo Elena,

      schön, dass dir der Beitrag gefällt!
      Ich glaube, Jugendliche sind meistens gerade im Lernprozess gefangen, wie das kritische Fragen überhaupt funktioniert. Wenn ein Buch ihnen die Anleitung dafür geben will, kann das ein ganz großartiges Leseerlebnis sein. Zum Beispiel anhand eines unzuverlässigen Erzählers oder einem gewaltigen Twist am Ende. Insofern können sie schon kritisch reflektieren.
      Aber leider sind gerade die Bücher, die einmal kritisch reflektiert gehören, meistens nicht so aufgebaut.

      Umso wichtiger, dass man sich an die Vorbildfunktionen erinnert. Als Lesende wie als Autorin.
      Liebe Grüße,
      Kira

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