Der dritte Entwurf, das Testlesen und ich - eine Reflexion in sieben Lektionen

Sonntag, 18. März 2018

Befasst man sich als Autor*in damit, Texte nicht nur zu schreiben, um sich die Geschichte erzählt zu haben, sondern auch um mit ihnen in die Öffentlichkeit zu treten, kommt man fast nicht um das Phänomen ‚Testleser’ herum.

Worum es sich bei ihnen handelt, wodurch (ob) sie sich von Alpha- oder Beta-Leser unterscheiden, wo man sie findet – dafür gibt es im Internet zahlreiche Anlaufstellen. An dieser Stelle soll es um eine Reflexion meines letzten Testleser-Erlebnisses gehen, genauer gesagt: Es soll einen Einblick geben, wie das so ablaufen kann, mit dem eigenen Text und den Testlesern und dir, der Autorin.

Hiermit sei außerdem betont: wie jedes Erleben ist auch dieses subjektiv. Es kann sein, dass deine Erfahrungen von meinen abweichen und das nimmt weder deinem Erlebnis etwas an Validität noch meinem. Wo Menschen zusammenkommen, sind die Ergebnisse von Variablen durchsetzt.

Damit aber mitten rein!

Photo by Natalie Collins on Unsplash

Alles neu macht der Mai - meine persönliche Disposition


Ich bin nicht talentiert, was die Arbeit mit Testlesern angeht. Meistens ist mein Fazit nach solchen Runden: Alles weg, alles neu. Auf diese Weise sind wir zum dritten Entwurf ein und desselben Romans gekommen, dessen momentane Überarbeitung sich durchaus auch in der Nähe eines rewrites befindet.

Das heißt allerdings nicht, dass ich mir die Kritik meiner Testleser nicht zu Herzen nehme. Meine wunderbare Mitbloggerin Alisha hat mich damals 2015 in der allerersten Testleserrunde darauf hingewiesen, dass sich der Unterschied1 viel mehr nach einer Geschichte zwischen meiner Protagonistin und ihrem Vater anfühlt als nach der Liebesgeschichte, zu der ich es erklärt hatte. Und siehe da, zwei Entwürfe später ist genau das passiert: aus us against the world wurde die Geschichte einer zerbrechenden Familie, die hofft, die Kindheit der jüngsten Tochter gehöre zu den Dingen, die noch zu retten sind.

Tatsächlich hab ich dank diesem Umstand aber schon eine ganze Menge ausprobiert: viele Testleser, wenig Testleser, ebenfalls schreibende Testleser, ausschließlich lesende Testleser, Online-Bekanntschaften, Offline-Bekanntschaften, den ganzen Text auf einmal, den Text in Etappen, ein allgemeiner Fragebogen, ein konkreter, auf Kapitel bezogener Fragebogen, ... you name it, I've done it.

Ein bisschen Schwund ist immer - die Startvoraussetzungen


Die dritte Überarbeitung des Unterschieds hatte ich im Sommerurlaub mit meiner Familie begonnen, schön und gut, unter der maltesischen Sonne. Zu Ende gebracht habe ich sie in einem Akt der Selbstsabotage: zu einer Zeit, in der mein Körper mir meine leer geräumten Energiehaushalte mit ständiger Müdigkeit, überdauernder Lustlosigkeit und einem ungesunden Stresslevel aufzeigte, habe ich ihm das harte Regime unvernünftiger Deadlines entgegengehalten und mich in einem dreitägigen Horrortrip durch die letzten Kapitel gequält. Danach war ich leer und erschöpft, hab alles gehasst, was ich geschrieben habe, und war mir sicher, Müll verzapft zu haben, aber wenigstens war der Roman raus.

In drei Etappen sollten ihn zwischen November und März sieben wunderbare junge Frauen zu lesen bekommen. Davon haben zwei alle drei Etappen gelesen, drei die ersten beiden Etappen, eine Leserin nur eine Etappe und die letzte ist komplett ausgestiegen. Das mag ernüchtern, sollte aber einfach in die Erwartung miteingepflegt werden: ein bisschen Schwund ist immer. Da kannst du zwanzig Testleserinnen haben oder drei. Soweit ich das bei meinen Autorenkolleg*innen mitbekommen habe, ist das auch nirgendwo wirklich anders und wenn es anders ist, ist es die Ausnahme. Und auch meine drei bisherigen Testleserrunden bestätigen das. Gemessen daran, dass Testlesen eine unentgeltliche, freiwillige Arbeit ist, die kaum Priorität einnehmen kann vor Arbeit, Ausbildung und einem gewissen Maß an Freizeit, ist das auch nur allzu verständlich.

Grumpy Cat – zur Balance negativer und positiver Kritik


Ich habe das Glück, in meinen Testleserrunden zunehmend mit klugen und konstruktiv begabten Menschen zusammenzuarbeiten. Da nimmt niemand ein Blatt vor den Mund, wenn eine Reaktion unverständlich ist, wenn eine Dynamik missfällt oder ein Charakter sich überflüssig anfühlt. Das wird erwähnt, erläutert, eventuell werden sogar Verbesserungsvorschläge gemacht.

Und das ist absolut großartig – denn gerade dafür gebe ich den Text ja in diese vertrauensvollen Hände. Nur aus solchen Bemerkungen lernt man: was funktioniert, was nicht funktioniert, vielleicht sogar: wieso es nicht funktioniert hat. Dieser Teil des Testlesens ist unbezahlbar.

Aber manchmal führt das in bester Absicht dazu, dass eine Kritik sich sehr auf die Dinge verbeißt, die noch nicht gut genug gelingen. Das kann einem das Herz sehr schwer werden lassen. Selbst, wenn es am Anfang der Kritik einen Disclaimer gibt, dass im Folgenden vor allem das Kritisch-Gesehene Erwähnung findet und das andere ungesagt bleibt, aber großartig gefunden wird.

Dann heißt es: Emotionsregulation, nicht -repression. Enttäuscht sein, ist okay. Frustriert sein, ist okay. Traurig sein, ist okay. Aber wenn das Gefühl gefühlt ist, muss man auch die Kurve wieder kriegen. Und wenn man dafür bis morgens um vier wachliegen muss, um die Kritik so zu durchdenken, dass man einen Ansatz findet, sie gewinnbringend auf die Geschichte anzuwenden – bye, bye, Bens Schwester, bye, bye, Subplot 100 001.

The more, the merrier? - Die Nebencharaktere

Ich gestehe es: Nebencharaktere sind meine Schwäche. Ich liebe sie. Ich finde sie oft unverzichtbar, besonders dann, wenn sie völlig überflüssig sind. Mit einer besonderen Leidenschaft steigere ich mich dann in sie hinein, bis sie den spannenderen Plot haben als die Hauptfiguren, und habe eine langjährige Geschichte damit, den Hauptfiguren und vor allem dem Hauptkonflikt Rampenlicht abzuzwacken, um ihre Geschichten zu erzählen. Eher nicht empfehlenswert.

Denn: es ist mühsam, sich das abzugewöhnen, und gerade für den Unterschied, der schon etliche Nebencharaktere hatte, die früher oder später aus der Geschichte geflogen sind (Katha, Violet, Theo, Mellie, Kennedy, Clara, Tanya, Tina, Nelson, Sebastian, Opa Georg, Zoey, Paul, Luisa, Werner, Matthias, Robin, Ulli, Philipp, Werther, Flo, Regina, um nur einige zu nennen), ist es ein hartes Stück Arbeit, das sich im Prinzip aus Trial & Error zusammensetzt.

Nehmen wir das Beispiel „Mellie“. Entwurf Eins kannte sie nicht. Entwurf Zwei hatte sie als Antagonistin. Im Schreibprozess von Entwurf Drei war sie eine Freundin meiner Protagonistin. In der Überarbeitung (vor den Testlesern) hab ich sie gekickt. In der jetzigen Überarbeitung (nach den Testlesern) hab ich sie wieder reinschreiben wollen, letzte Woche aber beschlossen, sie doch rauszulassen. Was für ein Hin und Her.

Besonders schwierig wird es, wenn Leser-Sympathie mit Autoren-Vernunft kollidiert.
Mit Kims Bistrokollegen Theo hab ich einen potentiellen Lieblingscharakter geschrieben, der leider nicht genug Rolle hatte, um eine Funktion zu haben, und deshalb fliegen musste. Manche meiner Testleserinnen haben mir das immer noch nicht verziehen.

Schwierig wird es auch, wenn es widerstreitende Meinungen gibt, was uns zur nächsten Lektion bringt.

Wenn zwei sich streiten, freut sich die Dritte – Uneinigkeit bei Testlesern


Der beste Freund meiner Protagonistin, der den Konflikt in ihrer Familie noch unterstreichen sollte, weil er ihr als Stütze verloren geht, obwohl sie ihn doch so braucht … der ist in vielerlei Hinsicht auf Ablehnung gestoßen: zu arrogant, zu selbstbezogen, absolut blind für seine Umwelt und besonders das Leid der Protagonistin. Rückblickend schien er sogar den überflüssigsten Plotstrang zu besiedeln.

Die Konsequenz scheint einfach – streicht man ihn halt. Doch dann, wenn man fast schon keine Hoffnung mehr für ihn hat, sich beinahe etwas schuldig fühlt, ihm einen so miesen Dienst geleistet zu haben, liest man in der nächsten Kritik unvergleichliche Lobeshymnen auf ihn und die treffen einen Punkt im eigenen Autorinnenherz, die sagen: Nein. Er bleibt. Er ist wichtig.

Manchmal muss man das aushalten. Deine Testleser dürfen eine andere Meinung haben als du. Und dabei müssen die Entscheidungen ja auch nicht schwarz und weiß sein. Die Entscheidung ist nicht: Ben rauskürzen oder ihn genauso lassen, wie er war. Ben wird überarbeitet, keine Frage: seine Rolle angepasst. Aber er bleibt. Auch in seiner Problematik.

Und zwar, weil ich es sage. Weil ich die Autorin bin. Weil ich die Vision kenne. Die Geschichte. Ich weiß, wo sich Fokus lohnt, wo er hingehört. Das Feedback der anderer kann mir dabei helfen, den Fokus zu korrigieren, wenn mein Handwerkszeug noch nicht gereicht hat, um das gewünschte Ziel zu erreichen, aber es hat erst dann die Macht, den Fokus umzulenken, wenn ich ihm diese zuspreche.

Reden ist Silber, schweigen ist Gold – Das lehrreich Implizite


Besonders in diesem Durchgang habe ich erkannt, wie wichtig es auch ist, dass man in die Stille hört. In Kapitel Drei lasse ich Lae (einen Charakter, der die Überarbeitung nicht überlebt) mit Ben über Politik diskutieren. Ich hab das geliebt. Politik in Jugendbücher, ich bitte inständig darum und unablässig! Aber: niemand hat es erwähnt, niemandem ist es positiv (genug) aufgefallen, um es zu erwähnen, und dann sind das Gimmicks, die Seiten füllen, von denen ich eh immer zu viele habe.

Hat man sich bei einem Kniff etwas gedacht und niemand bemerkt es, dann lohnt es sich, den Kniff nochmal zu überdenken. Man glaubt, man schreibt eine Szene, in der Funken fliegen, und die Konzentration der Testleser liegt auf einem völlig anderen Zusammenhang? Dann bietet es sich an, die Aufmerksamkeitslenkung nochmal zu überprüfen.

Natürlich gilt auch da wieder: Du entscheidest, was dir dennoch wichtig ist oder was trotz allem so bleiben muss, wie es ist. Aber es zahlt sich allemal aus, auch den Dingen, die ungesagt bleiben, ein wenig unserer Aufmerksamkeit zu widmen.

Und die Moral von der Geschicht', auf Testleser ist kein Verzicht.


Testleserprozesse sind nervenaufreibend, aber sie sind auch eine endlose Bereicherung. Zu wissen, da hat jemand Zeit mit deinen Lieblingen verbracht, das macht was mit dir. Das fühlt sich ungemein danach an, als wär das, womit du den Großteil deiner Zeit verbringst, echt. Und das ist es. Natürlich ist es das. Aber nicht immer ist das im ggf. einsamen Schreiballtag so spürbar, wie man sich das wünscht.

Aber das Beste an allem: wenn's nicht geklappt hat, macht man's halt nochmal.

Dein Buchbaby hat noch gar nicht wirklich das Licht der Welt erblickt. Du hast das unverschämte Glück, das werdenden Eltern nicht zuteil wird: du hast einen Testlauf bekommen. Mit Rückgabegarantie und Möglichkeiten, wenn nicht: Einladungen zu Revision. Das kann und darf und soll man nutzen. Auch wenn ich niemandem wünsche, vier Drafts ein und desselben Stoffes zu schreiben, möchte ich auch niemandem davon abraten: wenn die Story es braucht und du es zu geben bereit bist, wieso nicht? Es ist deine Geschichte. Mindestens du solltest mit ihr zufrieden sein.

Nur: irgendwann muss man den Absprung schaffen. Und so unbestimmt dieser Zeitpunkt sein mag, er liegt doch weit vor dem Erreichen der Perfektion. Hank Green hat da ein wunderbares Plädoyer für die 80% statt der 100% gehalten, das ich euch sehr ans Herz legen mag.



Und mit diesem Schlusswort danke ich Alisha, Laura, Isabella, Laura, Mira und Marion und wünsche euch und ihnen noch einen tollen Sonntagabend und einen guten Start in die Woche.

Eure Kira

1 Kurztitel für „Der Unterschied zwischen Waffenstillstand und Frieden“
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