[GESELLSCHAFT] Der Glaube an Gleichberechtigung ist keine Superkraft

Sonntag, 11. Februar 2018
Als ich letztens meine Komilitonin getroffen habe, sind wir ins Gespräch gekommen: Sie hat mir von einer Unterhaltung mit ihrer ehemaligen Mitbewohnerin erzählt, kurz bevor deren Wege sich getrennt haben.

Worum ging es? Feminismus.

Es war ein Badezimmer-Streit. Beide wollten rein, Franzi, das ist meine liebe Freundin, war derzeit darin und schminkte sich.
Beim Rauskommen wurde sie dann von dieser auch prompt zur Rede gestellt: Wieso schminkt sie sich überhaupt? Schildert sich immer groß als Feministin aus, dabei weiß doch jedes Kind, dass Schminken, Abnehmen für das schöne Aussehen, die engen Hosen, die engen Shirts, auch BHs und Ähnliches, Teil des Systems sind, gegen das sich Feministen auflehnen. Dass Frauen keine Anziehpuppen sind, die immer aufgebrezelt durch die Gegend staksen sollen, dass sie keine Schmerzen ertragen müssen, weil sie hohe Schuhe tragen müssen, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Wie sie reagiert hat, hat sie nicht gesagt.

Was Feminismus nun sein soll, scheint bei vielen die Geister zu spalten, aber ich war an dieser Stelle eher schockiert und wütend, als zustimmend zu nicken und zu sagen, dass ihre Mitbewohnerin recht hat. Ja, Frauen sind keine Anziehpuppen und ja, Make-Up hilft dabei, Hautunreinheiten zu kaschieren, aber ist es nicht meine freie Entscheidung, das zu tun?
Wenn ich Lippenstift auftrage und damit das Haus verlasse, dann möchte ich vor allem einer Person gefallen: Mir selbst. Wenn ich mir selbst nicht gefalle, werde ich nicht die engen Hosen tragen, auch keinen Pullover, nur weil ich denke, dass mich jemand darin reizend finden könnte.

Woman on Rock Platform Viewing City
Bild von Pexels. Zu finden hier : [x]

Feminismus ist doch mehr dafür da, die Gendernorm zu brechen, indem ich ihr ihre Norm aberkenne und stattdessen für mich selbst einstehe: Ich tue dieses und jenes, nicht, weil es mir wie vorgegeben scheint. Ich tue es, weil ich es tun möchte.
Ich lass mir von keinem sagen, ob ich Ingenieurin werden möchte, aber vielleicht möchte ich doch lieber Kindergärtnerin werden. Es geht nicht darum, dass wir alle anfangen, kurze Haare zu tragen, weil es für Frauen seit Jahrhunderten (tausenden?), als schön galt, wenn sie sie lang und offen trugen. Ich will nur die gleichen Rechte haben. Meine Weiblichkeit ist nicht damit ausgedrückt oder jemandem zum besitzen ermöglicht, nur weil ich gern Kleider und Röcke trage und über dreißig Lippenstifte besitze, die ich liebend gern benutze.

Der Witz ist doch einfach: Es soll einfach aufhören, dass man sich irgendwo hinstellen und sich rechtfertigen muss, wieso man sich als Frau so und so verhalten hat. Man verhält sich einfach. Das ist doch die Pointe des Feminismus oder?

Ist es nicht auch tödlich nervig, wenn wir uns jedes Mal hinstellen und verkünden müssen „Ich bin Feministin“?. Das hört sich für manche wie ein Glaubensbekenntnis oder eine Drohung an, aber eigentlich heißt es doch nur: Ich bin für Gleichbehandlung und Gleichberechtigung.

Hingegen einiger Meinungen macht es auch nicht zur perfekten, selbstbewussten Person, die nie neidet, nie eifersüchtig, gierig, ignorant oder weiß der Kuckuck ist. Ja, es gibt Prominente, die uns dabei einfallen könnten (zum Beispiel Emma Watson oder Gal Gadot), die ein Idealbild einer Feministin hervorrufen können, doch aber nur weil sie öffentliche Wirkung haben und weil man ihnen zuhört und sie ein großartiges Bild dabei abgeben, wie sie sich für ihre Rechte stark machen.

Aber dazu gehört doch auch: vermeintlich weibliche Eigenschaften wie Sanftheit, Hang zur Romantik, Feinfühligkeit, Empfindsamkeit, Aufopferungsbereitschaft nicht einfach als für Frauen reserviert zu betrachten und darüber hinaus: Sie nicht als schlechter oder schwächer zu bewerten. Es sind nur Charaktereigenschaften: Wieso muss man sie einer Gruppe von Menschen zuschustern? Kann es einem Mann nicht auch gut stehen, romantisch zu sein? Ist er deswegen gleich weniger männlich? Ist eine Frau weniger weiblich, weil sie eine Gruppe leiten kann, weil sie barsch und hartnäckig ist und viel flucht?

Aber an Feminismus und in diesem Zusammenhang an Gender-Equality zu glauben und ihr entgegen zu arbeiten, ist keine Superkraft. Es ist einfach das Bewusstsein, dass viele der Kategorien, die für uns Norm sind, künstlich geschaffen worden sind.

Die Debatte ist doch dafür da, Türen zu öffnen, nicht zu schließen. Feminismus ist: Für jeden jedes Geschlechtes, Alters, Aussehens, able-bodied und nicht able-bodied, für die Geschminkten und Ungeschminkten, für die, die Rosa lieben und die, die es nicht ausstehen können, für die Sport-Treibenden, damit sie schön sind, für die, die es machen, weil es Spaß macht und die, die keinen machen. Und für alle anderen auch.

Wir sind alle gleich toll.
(Das hört sich grammatikalisch so falsch an …)

Alles Liebe
Alisha



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