[SCHREIBEN] Warum Recherche so wichtig ist

Sonntag, 21. Januar 2018
 Wir kennen es doch alle: Egal ob Leser oder Autor. Dieses Kribbeln, wenn man in eine neue Welt eintaucht. Neue Figuren kennenlernt, etwas über sie erfährt. Landschaften mit den Protagonisten bestaunt und sich über so manchen Uniprofessor im Büchlein ärgert.
Wir leben alle für dieses Gefühl, was Bücher uns vermitteln: Wirklichkeit. Eine andere Welt.
Und manchmal haben wir diese Bücher, bei denen wir dann auf einer Seite plötzlich stolpern. Mir ist das das ein oder andere Mal schon passiert – Wenn in den USA plötzlich Silvester mit großem Feuerwerk gefeiert wurde. Der vierte Juli flachfiel, Thanksgiving – Kann man das eigentlich essen? Angeblich kann da ja auch jeder immer alles studieren – Teuer? In den USA? Noch nie von gehört, das macht da doch auch jeder Depp.

Na gut, ich bin noch nicht auf alles davon gestoßen. Aber schon auf so Einiges. Und ich kann jetzt hier mit ziemlich guten USA, beziehungsweise New York Wissen glänzen, Kultur, Mentalität – wow, ein Yellow-Cab, aber in den äußeren Gebieten von Manhattan fahren auch die Green-Cabs, die die Leute auch aus anderen Boroughs und im nördlichen Teil von Manhattan fahren – aber ich könnte wahrscheinlich nichts darüber schreiben, wie das so in Singapur ist. Oder Santiago de Chile.
Weil ich mich einfach noch nie damit beschäftigt habe. Dementsprechend würde ich es jedoch vorsichtig angehen, beim Schreiben meine Geschichten dort spielen zu lassen, wenn ich nicht vorhabe, mich vernünftig über die Stadt/das Land zu belesen, durch das meine Figur sich bewegt.
Es ist heutzutage so leicht, sich zu informieren, wie Sitten und Bräuche in einem Land sind; Ihr könnt euch sogar angucken, wie die Landschaft ist, wieviele Etagen die Hochhäuser haben und wie viel Leute auf einen Quadratmeter wohnen. Ihr könnt euch sogar zu vermietende Apartments anschauen, in die eure Protagonisten einziehen könnten, wie sie liegen und welche Bahnen von dort fahren, wie lange sie brauchen werden und wie der Verkehr um eine bestimmte Uhrzeit ist.
Das Internet gibt alles her. Jeder, der ein Buch mal liest und tatsächlich aus dem Land kommt, in dem es spielt, wird jeden Fehler erkennen. Und wird sich fragen, wieso der Autor sich nicht mal die Mühe gemacht hat, herauszufinden, wie Thanksgiving gefeiert wird, das ein sehr, sehr wichtiges Fest für die US-Amerikaner ist.

Schlechte, beziehungsweise gar keine Recherche macht Bücher unglaubwürdig. Der Leser gerät ins Stocken. Er hinterfragt den Autor. Er fühlt sich schon ein bisschen betrogen.
Wobei das mit Städten und Ländern noch geht.





Was ist mit Krankheiten? Schon viel zu oft habe ich erlebt, dass in Büchern Krankheiten thematisiert werden, von denen der Autor keinen blassen Schimmer hatte. Krankheiten, die im Laufe des Buches vergessen wurden oder plötzlich „geheilt“ waren. Figuren, die emotional misshandelt wurden, aber nie, nie eine Spur davon getragen haben. Viele lieben Harry Potter (mir eingeschlossen), aber ist es nicht merkwürdig, dass Harry nie langfristig darunter gelitten hat, wie die Dursleys ihn behandelt haben? Er nie Vertrauensprobleme hatte?
Ich möchte nicht in dem Körper stecken, der Dinge durchleben musste, die Harry durchlebt hat und seine Entwicklung gelesen hat. Die das nicht beinhaltet hat.

Ihr macht eure Bücher nicht nur unglaubwürdig. Schlechte Recherche kann Menschen verletzen, deren Schicksal so „heruntergespielt“ wird. Ich als Laie, dem nie so wirklich klar gewesen ist, was das Verhalten der Dursleys IN WIRKLICHKEIT hätte auslösen müssen, hab alles geglaubt. All die Jahre hätte ich geglaubt, dass ein anderer, der das durchlebt, keine weiteren Schäden davonträgt. Nicht panische Angst hat, nach Hause zu gehen, sondern eben in seinem Trott lebt, wie Harry das mit den Dursleys getan hat. Genauso schnell Freunde findet. Beziehungen aufbaut.
Die Liste ist lang.

Recherche ist so wichtig, weil sie unser Buch authentisch macht. Manchmal passen Wahrheit und unsere Vorstellungen davon, wie bestimmte Dinge sind (egal, ob etwas gefeiert wird oder der Verlauf einer Krankheit oder die Folgen einer Misshandlung, etc, etc) nicht zusammen. Aber statt das zu ignorieren und auf Teufel komm raus mein Buch darüber zu schreiben, so wie ICH es mir vorstelle, ist absolut falsch, aus meiner Sicht verwerflich, weil man absolut Möglichkeiten hat, sich zu informieren und dies dann tun SOLLTE, und nicht nachvollziehbar. Mein Buch ist nicht authentisch, wenn ich Dinge erfinde, nur weil ich meinen Hintern nicht hochkriege, um mir das einzuholen, was ich brauche. Die Welt ist voller netter Menschen, die dankbar sind, wenn ich ihren Umstand/Herkunft/etc richtig beschreibe, erkläre und verlaufen lasse. Dann ist richtige Repräsentation gewährleistet. Dann ist ein Buch authentisch. Dann hat ein Buch, aus meiner Sicht, die Chance gut zu sein. Wenn ich weiß, was ich tue und worüber ich rede.

Und wenn mir das Thema zu groß ist und mir das zu anstrengend ist: Dann hat man (Frau) das Thema Thema sein zu lassen und das zu akzeptieren. Wir Autoren sind empathisch genug, um viele Dinge nachzufühlen, uns reinzudenken, aber wir sind nicht allwissend. Und wenn wir zu stolz sind, um das zuzugeben, dann haben wir noch eine Menge zu lernen.

Deswegen: Informiert euch. Fragt Betroffene. Selbst wenn ihr persönlich keine kennt: Die sozialen Netzwerke stehen euch offen. Schreibt in Foren, macht Anfragen. Lest auf Wikipedia. Auch die Unibib ist manchmal total hilfreich, besonders wenn es um psychologische Anliegen geht. Wenn ihr über Kriminalfälle schreibt, ist es eine Überlegung wert, mal bei der Polizei reinzuschnuppern. Oder ein paar Bücher zu lesen von Leuten, die das gemacht haben. Wir haben das Glück, uns von anderen inspirieren lassen zu können und trotzdem eigene Ideen zu haben. Also bitte: Inspirieren, nicht klauen. ;)
Recherche kann Spaß machen. Und selbst wenn nicht: Eure Zeit und euer Buch sollte es euch wert sein.
Oder zumindest euer Leser sollte es euch wert sein.
Lasst uns die Autorenwelt ein bisschen wissender und recherchierter machen.


Alles, alles aus Liebe,

Laura. ♥
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