[GESELLSCHAFT] Der Einzelkämpfer - eine Heldengeschichte?

Sonntag, 14. Januar 2018
Disclaimer: Der Text begann als Artikel für den Gemeindebrief ANGESAGT.

Photo by Helena Lopes on Unsplash.

In der Schule hatte ich einen Freund, A, der immer ein bisschen anders war als wir. Wir, das ist der Rest der Freundesgruppe – bunt gemischt, Mädchen und Jungen, die, die sich kennen, seit sie drei sind, und die, die erst in der fünften, sechsten, siebten Klasse zusammengefunden hatten. Wir waren zu acht, dann zu zehnt. Aber ganz egal: A war ambitionierter als wir alle.

Wir hatten Glitzervampire im Kopf und planten Übernachtungen & Filmabende & den Besuch im Heidepark. Verkrochen uns unter Bettdecken und sprachen leise über das Mädchen, das erst neu in unsere Klasse gekommen war und jetzt wieder gehen musste, weil es seine Essstörung doch noch nicht überwunden hatte. Wir hielten Interventionen, weil einer von uns sich in eine von uns verliebt hatte und alles, was uns so lieb und teuer war, auf Messersschneide stand.

Manchmal war A dabei, aber oft genug war er es nicht, denn er hatte andere Prioritäten: er plante seinen Erfolg. Erstellte sich einen 10 Punkte Plan. Mit Alternativen, Plan B, C und D, im Hinterkopf, um ja nicht zu scheitern. Um nicht mal den Gedanken ans Scheitern zuzulassen. Er arbeitete. Hatte bald seine eigene Firma. Aufträge zunächst vermittelt von seiner Mutter, aber bald war er auch abhängig davon eine feste Größe im Online-Marketing.

Wir anderen haben wir ihn dafür immer ein bisschen belächelt. Nicht gepieksackt, das nicht, aber rückblickend denke ich doch, dass wir ihn oft genug darauf reduziert haben, dass wir ihm diese soziale Rolle zugeschustert haben. A war nun einmal, wie er war. Achselzucken. Da zählte Geld mehr als bei uns. Überhebliches Grinsen. Solang er niemandem damit schadete, was machte das schon? Fakt ist: Sein Fokus wollte nicht dazu passen, dass wir noch Kinder waren und das nicht mehr lange sein würden, es also genießen mussten. Verantwortung und Arbeit und Geld verdienen, das würde uns noch viel zu früh an den Kragen gehen. Mit den Gedanken an diese Zukunft, mit As Ungeduld, sie endlich zu erreichen, kam für uns eine Unsicherheit. Wie viel sich ändern würde. Wie viel von dem, was wir jetzt nicht wegdenken konnten. Und mit der sind wir umgegangen, wie es vielleicht nur Kinder können: wir haben es vergessen, uns hemmungslos verliebt, ineinander, in andere, ins Leben, und nur in winzigen Fetzen einen Blick auf die Welt jenseits unseres Schulkosmos geworfen.

Jetzt? Einige Jahre später? Sind wir keine Kinder mehr. Niemand von uns. Manche von uns haben jetzt Kinder.

Und A? Hat's geschafft. Eigene Firma, Angestellte. Gutes, stabiles Einkommen. Lebt auf Malta. Der große Einzelkämpfer ist Held geworden, hat seine Mission erfüllt, darf die Lorbeeren ernten. Soll er auch. Hat er gut gemacht. Aber er ist Held für einen einzigen Menschen. Er ist nur Held für sich.

Wir hingegen … wir haben in der Zeit, in der er an seinem Erfolg gearbeitet hat, etwas gelernt. Über Freundschaft, über Gemeinschaft. Und als die Zeit kam, in der auch wir unsere Ambitionen entdeckt haben, war das etwas, auf das wir zurückgreifen konnte, in dem wir leben und hoffen und träumen und wachsen konnten. Jetzt reicht es uns nicht, viel Geld zu verdienen und ein hübsches Häuschen zu haben und einen fantastischen Lebensstil. Wir wollen jetzt Helden für Gemeinschaften werden – und meistens, weil wir privilegierte Kinder waren, die in dem Glauben groß geworden sind, dass die Welt uns offen steht, wollen wir Helden für die Menschheit werden.

Unsere Nische finden, Arbeit leisten, die anderen hilft. Wir bauen uns kein individuelles Denkmal. Wir wollen uns die Welt ansehen können und wissen, wo wir geholfen haben, um sie besser zu machen. Dass sich darin auch Selbstwerterhöhung verbirgt, okay, aber in unserem Streben sind wir nicht auf uns ausgerichtet. Und vielleicht sind das kleinere Heldentaten. Vielleicht müssen wir noch härter und länger für die Lorbeeren arbeiten. Vielleicht gehören sie auch nie wirklich uns, weil wir immer nur Teil des Teams sind. Aber es ist eine Weise die Welt zu sehen, sie zu verstehen und in ihr zu leben, die ich niemals missen will.

So, ich hab's gesagt. Ich will gesellschaftliches Engagement. Ich will Verantwortung für die Kollektive, in denen wir leben. Trotzdem bin ich die Letzte, die Ambition zu etwas erklären will, das man kritisch sehen müsste. In meinem Instagram-Profil steht prominent der Satz: „You are responsible for your own dream.“ Und ich glaube daran, felsenfest. Ich bin verantwortlich für meinen eigenen Traum. Ich bin verantwortlich für meinen eigenen Erfolg. Entweder ich tu Dinge, die mich meinem Ziel näher bringen, oder ich tue sie nicht und dann nähere ich mich meinem Ziel auch nicht. That's it. Für mich verbirgt sich darin viel Motivation. Also bin ich A vielleicht doch nicht so unähnlich.

Ich halte nichts davon, dass man sich aufopfern muss, in dem Dienst für die Anderen. Ich glaube, man hat ein Recht darauf, sich hinzustellen und zu sagen, dass sein eigener Erfolg auch wichtig ist. Dass (einem) Geldhaben wichtig ist. Dass ein gewisses Lebensstil (einem) wichtig ist. Das ist nicht minderwertig. Das ist nicht schrecklich selbstsüchtig oder egozentrisch.

Weil es nicht exklusiv ist.
Man kann seinen eigenen Erfolg wollen und sich darin engagieren, diese Welt besser zu machen.
Ich kann in einer Gemeinschaft leben, fühlen, denken und mich trotzdem auf mich selbst besinnen.
Ich kann zwei Ziele gleichzeitig haben. Ehrlich gesagt? Es tut uns gut, zwei Ziele gleichzeitig zu haben. Es tut uns gut, Ziele auf den verschiedensten Ebenen zu haben. Es tut uns gut, auch Ziele zu haben, die nichts mit uns zu tun haben, weil sie weder auf uns abzielen, noch unser Verdienst sind.

Denn es sind solche Zielkonstellationen, die unser Leben in einer komplexen Welt authentisch abzeichnen. Wir sind Teil von Gemeinschaften und wir sind Individuuen. Wir müssen uns für einander stark machen und dürfen darüber nicht vergessen, diese Stärke auch in unsere Identität einzubinden. Und wenn wir das hinkriegen, na ja, ich glaube, dann ist das schon irgendwie ziemlich heldenhaft. Oder etwa nicht? ♥

In aller Liebe,
Kira


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