[BUCHREZENSION] Wonderwoman: Warbringer - Leigh Bardugo

Sonntag, 7. Januar 2018
Inhalt:
Eigentlich will Diana, Tochter der Amazonenkönigin, nur eines: das Rennen gewinnen, in dem sie gegen die schnellsten Läuferinnen der Insel antreten muss. Doch dann erblickt sie am Horizont ein untergehendes Schiff und bewahrt Alia, ein gleichaltriges Mädchen, vor dem Tod. Doch wie Diana vom Orakel erfährt, ist es Alias Bestimmung, die Welt ins Unglück zu stürzen und Krieg über die Menschheit zu bringen. Um dies zu verhindern, reist Diana mit Alia ins ferne New York – und wird unversehens mit einer Welt und Gefahren konfrontiert, die sie bislang nicht kannte ...


____________________________________

Buch: Wonderwoman: Warbringer
Autorin: Leigh Bardugo
Verlag: Random House
Taschenbuch: 376 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 6.99 €

Seit Neuestem auf Deutsch erhältlich.
___________________________________


Ich kann meiner Familie danken, dass ich nie mit der Vorstellung aufgewachsen bin, Superhelden seien etwas für Jungs. Dass Spiderman New York rettet, durfte mich genauso inspirieren wie meinen Bruder. Aber dass es mit Wonderwoman jetzt auch auf großer gesellschaftlicher Bühne eine führende, weibliche Heldin gibt, bleibt etwas Besonderes.

Deswegen hab ich mich auch so gefeut, dass die erste Installation der DC-Icons Reihe Wonderwoman gilt. Im Vorfeld des Kinofilms hatte ich ein paar Comics schon gelesen und war von diesen leider sehr unbeeindruckt, da die Kürze (und in diesem Fall anscheinend auch die Ausrichtung des Mediums) meistens nur eine sehr oberflächliche Handlung / Charakterisierung zuließ. Von einem Roman mit gut 370 Seiten hab ich mir entsprechend mehr versprochen.

Und das auch bekommen.

»You do not enter a race to lose.«

Wir lesen von Wonderwoman, als sie noch nicht Wonderwoman ist. Im Gegenteil. Diana ist ein junges Mädchen mitten in einer Identitätskrise. Sie ist nicht wie ihre Amazonenschwestern. Aus Leim geformt und von den Göttern zum Leben erweckt hat sie sich ihren Platz auf ihrer paradiesischen Insel nicht verdient. Und dieses Bedürfnis, sich zu beweisen, treibt sie als Protagonistin an.

Diese Motivation begleitet uns in Diana durch das gesamte Buch. Denn sie prägt ihre Gedanken, ihre Reaktionen, ihre Entscheidungen – und ist dafür stellvertretend für das, was dieses Buch großartig macht: seine Charaktere. Nicht nur, dass sie Ziele haben, dass sie in sich schlüssig sind und man sich für sie interessieren kann, weil da mehr ist als Funktionalität, sie fühlen sich auf eine Weise echt an, die ich von Superheldengeschichten nicht immer gewöhnt bin. Das sind ganze Menschen, Haupt- wie Nebencharaktere. Zweien von ihnen dürfen wir in den Kopf gucken, Alia und Diana, denn aus ihren Sichten wird die Geschichte geschildert und es ist ein absoluter Gewinn, dass es beide Sichten gibt, denn durch Dianas Entrücktheit und Alias veränderten Blickwinkel auf alte Konstanten ist das Buch voll großartig alltäglicher und doch so essentieller Gedanken. Sei es Feminismus, sei es Freundschaft, sei es Identitätsfindung – da sich die Welt der beiden auf den Kopf stellt, kann nichts mehr einfach für gegeben gehalten werden und das zwingt dieses Buch dazu, Gedanken zu formulieren, die unsagbar schlau sind. Die, wenn sie auch nicht immer gutzuheißen sind, doch verständlich bleiben.

Womit wir auf ein Zweites kommen, mit dem Leigh Bardugo mich von ihren schriftstellerischen Fähigkeiten überzeugt hat: die Grauzonen. Das Mädchen, das Diana rettet, Alia, soll der Welt ihren Untergang bringen. Zumindest, wenn man sie nicht rechtzeitig umbringt. Das kann Diana nicht einfach akzeptieren und sucht nach einer dritten Möglichkeit. Dabei bekommt sie aber ganz ordentlich Gegenwind: denn manch anderer sieht nur, dass es die Welt vor einem allumfassenden Krieg zu retten gilt, und kann – obgleich er sich Diana und Alia gewaltsam nähert – dafür nicht wirklich zum Bösen erklärt werden. Bardugo handelt das sehr feinfühlig und wo es passt, sogar mit wunderbar philosophischem Tiefgang. Und macht mit dieser Ambivalenz auch nicht vor den einzelnen Charaktere Halt. Da liegt unter jeder Facette, die man kennenlernt, noch eine weitere.

»Sister in battle,« murmured Diana, »I am shield and blade to you.«
»And friend.«
»Always friend.«

Neben der Ambivalenz ist es auch die Dynamik der Charaktere und damit die Dynamik der Geschichte, die mich wieder und wieder zwischen die Buchseiten gezogen hat. Bardugo hat ein Händchen für Dialoge und schafft auf diese Weise schnell eine Chemie zwischen Leser und Figur, die sich ultimativ wie Freundschaft anfühlt. Man hofft für sie, man lacht mit ihnen, man ist dankbar für ihre Menschlichkeit inmitten eines übernatürlichen Plots gegen eine ohnmächtige / zu mächtige Siebzehnjährige. Es ist in dieser Hinsicht ein großartiges Jugendbuch, da die Nähe zwischen Leser und Figur die Erkenntnisse dieser coming of age Geschichte auf eine Weise vermittelt, die sich unmittelbar auf das eigene Leben übertragen lassen.

Und es ist außerdem eine Heldengeschichte, wie man sie sich für eine Superheldin wünscht (und wie Diana sie sucht). Die Mission ist klar, aber sie ist gefährlich und sie ist action-reich. Für mich war sie nicht vorhersehbar (rückblickend aber völlig logisch). Die Figuren mussten über sich hinaus wachsen, besonders, da sie sich Gegnern gegenüber sahen, die ihnen (mehr als) gewachsen waren. Es stand durchgehend wirklich etwas auf dem Spiel und es ließ sich nichts einfach nur dadurch lösen, dass man eben super ist. Alles Komponenten, die mich gerade nach den Comics, mit denen ich es probiert hatte, sehr positiv überraschten.

»Human courage was different from Amazon bravery. She saw that now. For all the suspicion and derision she'd heard from her mother and her sisters about the mortal world, Diana couldn't help but admire the people with whom she traveled. Their lives were violent, precarious, fragile, but they fought for them anyway, and held to the hope that their brief stay on this earth might count for something. That faith was worth preserving.«


Die Charaktere sind mein absolutes Highlight dieses Roman und mit ihnen die Leichtigkeit, mit der in einem Zusammenspiel von Alltag und Todesangst (philosophischer) Tiefgang geschaffen wird. Hier werden die ganz großen Fragen gestellt, ohne dass man sich das Antworten einfach macht. Und abgesehen von der recht ausführlichen Exposition gab es auch keine Stelle, an der ich das Interesse verloren hätte. Zum Ende hin konnte man deshalb auch nicht mal mehr davon sprechen, dass ich wissen wollte,wie es weiter ging. Ich musste es wissen.

Deswegen auch ganzen Herzens meine Empfehlung: lest dieses Buch. Habt ihr kleine Geschwister? Gebt es auch denen! Es ist ein Buch, das stark macht, während man es liest und nachdem man es gelesen hat. ♥

Kira


B E W E R T U N G

TIEFE: 5/5 Punkte
CHARAKTERE: 5/5 Punkte
KONZEPTION: 4/5 Punkte
GESAMT: 14/15 Punkten
Kaufempfehlung: Na, aber sowas von!


Post Comment
Kommentar veröffentlichen