[ALLTAG] „Guck mal, da ist dein Spiegelbild!“

Freitag, 23. Februar 2018
Seid ihr schonmal mit eurer Mutter verglichen worden?

Ich meine, mit sowas wie: „Du siehst ja genauso aus wie deine Mutter!“
Oder: „Du bist wie deine Mutter!“
Oder immerzu im Kollektiv, von Leuten oder Bekannten, die ihr nicht oft trefft: „Du und deine Mutter“ oder „[Eigenschaft] genau wie deine Mutter!“

Ich meine, nichts gegen meine Mutter und nichts gegen eure Mütter oder Väter oder wer auch immer der Verglichene ist, aber es hängt einem zum Hals raus oder? Da will man sich hinstellen und mal sagen, dass es anders ist. Aber palavert wird immer weiter.
Irgendwann gibt man es auf.

Und jetzt stellt euch mal vor, ihr habt einen Zwilling und erlebt es jeden Tag.
Dann hört man es übrigens nicht nur von Leuten, die man selten trifft, auch nicht nur mit Leuten, die man ständig trifft oder hin und wieder – das passiert mit Sicherheit auch auf jeder Party, die man gemeinsam besucht. Man wird auch in der Bahn angestarrt, mit dem Finger auf einen gezeigt und dann wird man angesprochen und mit Fragen bombadiert.

Das nächste kann ein Zwillings-Bingo werden. Vielleicht seid ihr ein Zwilling, der dem anderen einigermaßen ähnlich sieht oder ihr kennt welche und erkennt Fragen, die ihr selbst schon gestellt habt oder Formulierungen, die ihr verwendet habt.

(Ich (mit oder ohne) die liebe Laura habe alle diese Fragen bereits gestellt bekommen. Keine davon ist frei erfunden.)

  • Zieht ihr euch gleich an?
  • Macht ihr auch was getrennt?
  • Seid ihr in den gleichen Sachen gut?
  • Wer von euch ist in [irgendeine Tätigkeit/Schulfach/weiß-der Kuckkuck] besser?
  • Steht ihr auf die gleichen Typen?
  • Merkt ihr, wenn der andere krank ist oder Schmerzen hat, dabei seid ihr mehrere Kilometer weg beziehungsweise ganz woanders?
  • Wisst ihr, was der andere denkt?
  • Habt ihr in der Schule mal getauscht und kein Lehrer hat es bemerkt?
  • Wie geht es deiner Schwester? Vertragt ihr euch immer noch?
  • Was [Tätigkeit] deine Schwester heute?

Dann gibt’s noch die standatisierten Kurzformen für sie und mich:
  • die beiden
  • die Zwillinge
  • die Twins

Und? Habt ihr euch erwischt? Wenn nicht, ist doch schön. Wenn ja – es nervt. Es ist ermüdend. Ich bin nicht meine Schwester. Mein Hirn ist nicht mit ihrem verbunden. Ich bin ein Organismus, der ganz für sich selbst funktioniert und in sich arbeitet; meine Fantasie macht seine eigenen Farben, die unverbunden mit denen von Laura bleiben.


Foto von Sharon McCutcheon auf Unsplash


Es erscheint furchtbar niedlich, wenn man zwei Mädchen/Jungen gleich anziehen kann, weil sie am gleichen Tag geboren sind und sich ähnlich sind und vielleicht können sie bereits als Kleinkinder wunderbar miteinander kommunizieren, dass man ihnen gern eine höhere Verbindung andichten möchte. Aber es spiegelt für mich nur die eklige Welt der Klischees aus dem Fernsehen und aus Büchern wider, wo die Mädchen Hanni und Nanni heißen; einen Namen kriegen, der sich kaum vom anderen unterscheidet, wo sich eine beim Auftritt immer erst von der anderen abgrenzen muss, um für sich selbst wahrgenommen zu werden.
Ich will mich nicht von meiner Schwester abgrenzen müssen, um für mich selbst wahrgenommen zu werden.
Jeder andere muss sich ja auch nicht hinstellen und erstmal erklären, wieso er denn anders ist als seine Mutter.

Aber mittlerweile reagiere ich auf den Namen Laura genauso wie auf meinen eigenen.
Ich verbessere niemanden mehr, der mich versehentlich beim falschen Namen nennt.
In der Schule habe ich artig wiederholt, wenn meine Englischlehrerin erst Laura korrigiert hat und zu mir meinte, ich solle es ebenfalls sagen; schließlich dächten wir immer das gleiche und würden immer die gleichen Fehler machen.
Es wird gelächelt und abgenickt, wenn einem von uns zugerufen wird, wenn der andere auftaucht: „Guck mal, da ist dein Spiegelbild!“
Man resigniert auch, wenn Menschen nicht mehr mit dir sprechen oder wütend auf dich sind, weil sie ein Problem mit deiner Zwillingsschwester haben; es dauernd und immer wieder zu erklären, bringt bei manchen nichts mehr.

Beinahe hätte ich gerade einen Absatz begonnen, in dem ich selbstverständlich sage, dass wir uns auch ähnlich sind, aber dass wir uns unterscheiden, aber das fange ich gar nicht erst an; selbstverständlich ist das so. Wir sind zusammen aufgewachsen. Wir haben das gleiche Hobby. Wir haben uns einundzwanzig Jahre unseres Lebens ein Zimmer geteilt und wir sind beide noch am Leben. Wir sind auch gleich alt (auf den Tag genau, woooow) und ja, wir haben als Babies eine gemeinsame Sprache gehabt, was genau daran liegt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wenn man zwei gleichaltrige Kinder zusammensetzt, die in ähnlichen Konventionen und Erziehungsmethoden aufwachsen und sie immer zusammen spielen lässt, dass sie eine Sprache entwickeln werden, wenn sie noch nicht sprechen.

Versteht mich nicht falsch, ich bin glücklich, einen Zwilling zu haben, mit dem ich min Hobby teile und der mich stets unterstützt. Ich bin auch froh, als Kind nie allein gewesen zu sein. Ich will nicht so tun, als wäre es der allergrößte Fluch, jemanden zu haben, mit dem man vieles teilt, denn das stimmt nicht.

Ich bin auch meinen Eltern dankbar, dass sie mich und Laura von Geburt an nie gleich angezogen haben, wenn wir es nicht ausdrücklich verlangt haben und dass sie uns immer individuell gefördert haben, bei was auch immer.

Am Ende bin ich meine eigene Person. Ich will für andere auch meine eigene Person sein, ohne an meiner Schwester gemessen oder mit ihr gemessen zu werden.

Deswegen denket dran, wenn ihr Zwillinge kennt: nennt sie freundlicherweise auch im Gespräch mit anderen nicht „Die Zwillinge“ oder „Die Twins“, sondern bei ihren Namen; stellt auch keine bescheuerten Fragen, falls ihr das jemals gemacht habt. Wenn's euch brennend interessiert, wie das mit dem Zwillingsleben ist, stellt Fragen, wie das so ist und was da läuft und fragt euch, ob ihr die Frage gestellt haben wolltet, wenn ihr einer von ihnen wärt. (Die Methode lässt sich übrigens einwandfrei auf jeden anderen Lebensbereich ebenfalls übertragen.)

Und zum Schluss: Habt einen schönen Sonntag.

Alles Liebe,

nur Alisha
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