[SCHREIBEN] Zu zweit schreiben - Warum es schrecklich wunderbar ist

Sonntag, 17. Dezember 2017
Dieses Jahr sind der November und Dezember eher Schreibmau.
Letztes Jahr um diese Zeit saß ich an einem Roman, in den ich mich über alle Maßen hinaus hineininvestiert habe. Nebenbei hab ich am Lektorat meines Debütromans GLAMPAIN gesessen. Das Jahr davor war ich aufgebraucht von der Fertigstellung des oben genannten Debütromans und hab mitten in der Weihnachtszeit ein Projekt angefangen, das keinen Plot hatte. Nur irgendwas runtergeschrieben, Figuren angeschaut, Dynamiken fremder Charaktere entwickelt.
Abgesehen von der Tatsache, dass ich offenbar immer abwechselnd zum Jahresende Schreibprobleme hatte, gibt es hier noch eine Konstante:
Keiner dieser Geschichten hab ich allein geschrieben. Nicht mal das Projekt ohne Plot.

Und es ist ein Privileg. Seit ich mich vor knapp zehn Jahren mit dem Schreiben auseinandersetze, habe ich schon mehrere Projekte (auch größere) allein geschrieben und beendet. Aber es ist an keinen zwei Händen abzuzählen, wie viele Projekte zu zweit gestartet und auch beendet wurden.

Für viele Autoren, die oft allein schreiben, ist das schwer vorstellbar. Sich ein Buch teilen – Figuren teilen – Nicht nur, dass andere mitfiebern, sondern auch mitbestimmen, dass da nach allem, was du schreibst, ein Feedback kommt, das sagt Hey, das war super, ABER wir brauchen/wir müssen noch xy machen, damit es besser wird – das ist schwerer vorstellbar.

Ich hab seit zehn Jahren eine konstante Co-Autorin, die zudem meine Schwester und beste Freundin ist. Wir leben in einem Haus und genießen Co-Autoren-Vorteile, die andere nicht haben, leiden aber auch unter Nachteilen, die andere nicht haben. Generell hab schon tausend Sachen über's Co-Schreiben gehört: Schreiben zu zweit muss doch viel leichter sein! Man kommt so viel schneller voran! Ich würde niemals ein Buch von zwei Autoren lesen! Autoren sollten für sich schreiben. Kannst du eigentlich auch alleine Projekte beenden? Ich könnte nie ein Buch mit jemandem zusammen schreiben, dann müssten wir alles absprechen. Mir wäre zu zweit schreiben viel zu kompliziert.

Ich kann vielen Aussagen nicht widersprechen, weil das Empfindungen sind, die ich nicht teile. Jeder soll lesen und schreiben, was er möchte. Aber wen es interessiert: Wie ist das eigentlich mit dem zu zweit schreiben? Und ist das eigentlich so viel leichter als alleine schreiben? Meine Co-Autorin und ich sind wahrscheinlich weder Paradebeispiel, noch Please-Try-This-At-Home-Personen, aber: Hallo.

Die Idee

Jeder der mich/uns kennt, hat diese Geschichte schon tausend Mal gehört:
Wenn einer von uns eine Idee hat, zerdenkt er sie eine Weile. Und irgendwann, so nach ein paar Stunden, wenn die Idee ein paar Szenen und Figuren hat, gehen wir zu dem anderen und wollen Meinungen, noch mehr Ideen, Einfälle, Lücken hören. Wir haben ständiges Feedback, kriegen voneinander Fragen an den Kopf geworfen, die da noch fehlen und beantwortet werden wollen.
Und manchmal blüht der andere genauso und hat mehr Ideen und Szenen und man kommt ins Reden und plötzlich sind sechs Stunden vergangen und deine Idee/dein Geistesblitz wird plötzlich euer Geistesblitz und wenn man dann bis um vier Uhr morgens Ideen zerdacht und Figuren erschaffen hat, gehört die Idee dann zwei Personen. Und ist eigentlich auch nur noch zu zweit umsetzbar.
Ich hatte mal eine Idee für einen Roman. Meine Co-Autorin hat die Idee so weit ergänzt und damit geschlossen: Ich finde schon, wir sollten das jetzt zusammen schreiben.
Haben wir. Das gute Stück dürfen wir heutzutage verkaufen.

Ideenfindung ist Wahnsinn als Prozess zu zweit. Immer neue Fragen, die einer beantwortet – Eine neue Richtung, ein neuer Hinweis, eine neue Figur, Ja-Nein-DasFindIchBlöd-SoWillIchDasNicht-Kompromiss-Malguckenwiewirdasumsetzen. Zusammen schreiben sind ständige Kompromisse. Ständige Absprachen. Und es ist großartig, weil die Lücken kleiner werden. Und schrecklich, weil wenn keinem von euch die Lücken auffallen, werden sie Kluften.

Das Plotting

*Anmerkung: Dieser Absatz ist ganz sicher der, von dem betont werden sollte, dass er in den Do-Not-Try-This-At-Home-Bereich gehört.

Wir sind miserable Plotting-Menschen. Als Einzelautoren und als Co-Autoren. Aber wenn wir plotten, dann: Handlungsstränge aufschreiben. Tee kochen. Sich zusammen einen Platz suchen. Sitzen, reden. Kapitel durchkauen, Figuren gemeinsam hin und herschieben, bis es passt. Einer findet Person A in Kapitel X gut. Der andere muss Kapitel X schreiben und findet Person A überflüssig. Diskussionen. Noch mehr Diskussionen. Kompromisse.

Unserem gemeinsamen Plotting ist nicht zuträglich, dass wir beide miese Plotter sind, das sei diesem Abschnitt hinzugefügt. Plotting ist tatsächlich der haarträubendste Teil, weil es hier keine Ideen mehr sind. Es sind Fakten. Es sind Figuren, die dargestellt werden wollen, Figuren, die entwickelt werden wollen. Manchmal hat man da verschiedene Entwicklungen vor Augen. Noch mehr Diskussionen. Wie wird Person X in Kapitel Y dargestellt? Stellen wir uns das beide so vor? Sind wir beide zufrieden.
Manchmal ist es nur ein winziger Punkt, der uns das ganze Plotting zerschießt (weil plotten einfach keinen Spaß macht) und den nur einer von uns beiden so empfindet. Aber einer von uns beiden kann keinen Partnerroman plotten. Also: Diskussionen. Diskussionen. Kompromisse.

Hier kommt ein Nachteil beim zusammen schreiben, wenn man zusammen wohnt: Man geht sich auf die Klötzer. Schreiben nimmt einen so großen Teil unseres Lebens ein, genauso wie die Geschichten, die wir erzählen WOLLEN, dass ein ichmachjetzteinepauseundantwortenichtweilichgradgenervtbin nicht funktioniert, wenn die Person im Zimmer nebenan schläft und jetzt gerne diese Geschichte fertig plotten will, damit diese Figuren mal auf's Papier kommen (Ich bin selbst eine ganz furchtbare Nervensäge, tut mir Leid, du hast es schwer mit mir, Schwesterherz).

Vorteil: Wir wohnen zusammen. Wir können uns morgens Kaffee kochen und beim Frühstück plotten. Sich abends zusammen auf's Sofa setzen und drübergehen. Wenn es gut läuft, ist das ein Traum. Wenn nicht, dann … Eher nicht.

Schreiben

Der Hauptteil vom Co-Autoren Dasein. Und tatsächlich der schönste. Wenn es denn klappt, auf jeden Fall. Hier fallen endlich alle Diskussionen weg, alle Kompromisse. Vor dem Schreiben sprechen wir die Kapitel nochmal durch (manchmal auch über Stunden hinweg – aber dann hat sich wahrscheinlich auch eine Lücke aufgetan oder wir sind beide sehr begeistert von dem Inhalt des Kapitels und faseln uns in Was-Wäre-Wenns fest), prüfen alles nochmal auf Lücken, stellen Fragen, die unbeantwortet bleiben, wie sie angegangen werden und dann geht’s endlich los.

Es wird geschrieben. Wir tauchen ein, tippseln unsere Wörter. Irgendwann kommt bestimmt die Frage, wie es so läuft, ob schon mal was rüber geschickt werden kann. Wisst ihr, wie geil und aufregend das ist, WENN DA EINER DEINE GESCHICHTE VORAN BRINGT? Das größte. Das beste Gefühl. Ichliebeliebeliebe die Kapitel meiner Co-Autorin. Wahnsinn, zuzusehen, wie da gerade was wächst, genau so, wie man es sich vorgestellt hat. Da baut jemand gerade dein Buchkopfkino aus. Manchmal ist am zusammen schreiben schöner, die Kapitel des anderen zu lesen als die eigenen zu schreiben. Da ist so viel Leben, das nicht aus einem selbst kommt und eine andere Stimme in eine Erzählung bringt, sie auffrischt, die eigene Figur darstellt, die man am besten selbst noch schreibt. Zusammen schreiben ist immer, immer, immer Entwicklung. Jedes Kapitel ist zwar durchgesprochen und geplant (außer es geht was schief und Figuren wollen nicht – Dann muss improvisiert werden. Aber das macht man ja sowieso immer), aber du bist nicht vorbereitet, wie es umgesetzt wird. Du musst in deinem Kapitel reagieren, du baust nicht auf deinem eigenen Geschriebenen auf – Sondern auf dem des anderen. Und was ist das für ein irres Gefühl. Das beste beim Zusammenschreiben. Immer, immer.

Natürlich läuft das auch manchmal anders: Manchmal schickt man dem anderen was, damit man Feedback bekommt und dann kommt ein ganz böses Wort: Aber. Aber, hey, du, mir ist hier was aufgefallen. Da warst du ungenau. So war das nicht gedacht. Irgendwie passt das nicht. Ich versteh gerade nicht, was da passiert. Dieser Vergleich hinkt da.
Ich meine: Wow. Aua. Manchmal ist das ein ganz böses Aua, auch nach all den Projekten noch. Du härtest nicht automatisch ab, wenn du Kritik bekommst. Wenn da immer jemand ist, der dich auf Fehler aufmerksam macht. Der dir nach dem Kapitel sagt: Das muss wirklich, wirklich gekürzt werden.
Aber du lebst damit. Es ist regelmäßig, es zwingt dich dazu, dass du nichts halbes machst. Und wenn wir manchmal doch was halbes machen (im Ernst, manchmal zieh ich bei Kapitelenden so ruckartig die Handbremse, dass der Leser durch die Scheibe fliegt), dann ist es am Anfang okay, aber die Ansage kommt schon: Du musst das dann noch verbessern.
(→ Damit das vielleicht nicht uneindeutig ist: Diese Erzählungen gehen in beide Richtungen. Wir kritisieren beide regelmäßig, was der andere tut, etc, die anderen Punkte.)

Aber es hilft auch: Wenn Schreiben Horror ist und man nicht drauf kommt, was nicht stimmt, ist da einer, der das mit dir angucken kann, weil er den Text genauso gut kennt, wie du selbst. Der sagen kann – Hey, so wär das gut. Probiere doch mal den Kapitelanfang so zu machen.
Vorteil des Co-Autoren-Daseins.

Noch ein Nachteil des Co-Autoren-Daseins?
Schreibblockaden.
Hat sie einer, haben sie schnell beide. Wie so eine Krankheit: Furchtbar ansteckend, wenn einer das Projekt plötzlich in den Müll schmeißen will und der anderen sich bei Aufmunterungsversuchen ansteckt. Da muss man sich dann gegenseitig aus der Krise kicken, sonst geht man sich irgendwann die Kehle, weil da keiner rauskommt.
Alles schon gehabt, glaubt mir.

Also wie ist das nun mit dem Co-Autoren-Dasein?
Lasst mich nochmal die Aussagen von oben betrachten:
Schreiben zu zweit muss doch viel leichter sein!
Nein. Ich meine, wirklich. Wirklich, nein, nein, nein. Es ist eigentlich auch nicht vergleichbar damit, allein zu schreiben.

Man kommt so viel schneller voran!
Wenn es gut läuft, dann ja. Aber das schafft man als Einzelautor auch.

Ich würde niemals ein Buch von zwei Autoren lesen!
Muss ja keiner. Zum Glück haben wir noch eine Demokratie. Leider kann man dabei wunderbare Geschichten verpassen.

Kannst du eigentlich auch alleine Projekte beenden?
Kann ich! Aber will ich manchmal nicht. Zu zweit schreiben macht mir oft mehr Spaß. Trotzdem hab ich im letzten Jahr mein Buch allein fertig geschrieben und es hat auch allein Überlänge gekriegt. Kann ich also, mag ich nur gerade nicht.

Mir wäre zu zweit schreiben viel zu kompliziert.
Muss man der Typ für sein. Muss man mögen. Muss man aber auch wollen. Ich glaube, um zu zweit zu schreiben, musst du der Person vertrauen. Nicht nur als Mensch, auch schreiberisch. Beim zusammen schreiben geht es darum, gemeinsam eine Geschichte zu erschaffen, die euch beiden entspricht und gefällt. Dass egal, wer welche Kapitel schreibt, beiden Autoren genauso viel bedeuten. Beim zusammenschreiben geht es nicht um das Einzelne. Da geht es um das Gesamte. Man baut da zusammen sein Kopfkino und hat jemanden, der es noch weiter ausbaut. Ich würde das niemals hergeben wollen. Ich mach und würde es immer wieder tun.

Zu zweit schreiben ist eine Sache, die mich manchmal ankotzt. Aber letztendlich, egal, ob alleine oder zu zweit, zurückgehen tun wir am Ende alle immer, unzwar mit dem gleichen Ziel:
Schreiben.♥


Alles, alles Liebe,

Laura.♥
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