[ALLTAG] Frohes neues Jahr: Eine Liebeserklärung ans Potential.

Sonntag, 31. Dezember 2017
Foto von Kelly Sikkema auf Unsplash

Lasst mich euch von einem Projekt erzählen, das ich in den Sand gesetzt hab.

Ein etwas gewöhnungsbedürftiger Einstieg in den letzten Skepsiswerkepost dieses Jahres, ich weiß. Verzeiht es mir. Auf Twitter hab ich schon ganz viele großartige Dinge gesammelt, die dieses Jahr passiert sind. Und wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich mich alle Mühe gebe, dem Pessimismus nicht allzu viel Bühne zu gewähren.

Ihn will ich auch gar nicht weiter thematisieren, aber sein kleiner Bruder? Der Realismus, die Zusammensetzung von Tatsachen, die einfach einmal sein dürfen, bevor wir sie interpretieren und bewerten? Mit dem setz ich mich für den Jahresabschluss mal zusammen.

Und der sagt eben unter anderem: Kira, du hast die Weihnachtlichen Postboten in den Sand gesetzt. Ein Projekt, so viel sei zur Erklärung gesagt, bei dem ich wertschätzende Briefe an „die Menschheit“ schreibe, um die Magie eines Fests der Liebe wieder zum Leben zu erwecken. Diese Briefe hab ich im ersten Jahr ausgedruckt und an Fremde auf der Straße, in der Bahn, in der Uni verteilt. Im zweiten Jahr hab ich sie per Hand geschrieben und an Familie und Freunde addressiert. Dieses Jahr hätte es besser, größer, wirksamer werden sollen.

Und fast wäre es das geworden. Es gab eine Website, es waren (einige) Briefe vorgeschrieben. Und etliche Szenarien durchdacht, in denen ich Leuten Briefe überreiche und was ich dann sage, um sie davon zu überzeugen, dass es kein Kettenbrief ist, sondern bloß eine zwischenmenschliche Freundlichkeit.

Es gab also gute Gründe, aus denen das Projekt dieses Jahr besser hätte klappen sollen als im letzten. Etliche Gründe. Aber die Tatsache ist: das hat es nicht. Der November kam und ging und als ich in die vorgeschrieben Briefe reingelesen habe, hab ich nicht eine Zeile mehr ertragen können. Alles Floskel, alles schrecklich empfindlich, schrecklich viel Zeigefinger, ganz wenig Umarmung.

Man hätte sicherlich nicht viel Mühe, diese Diskrepanz zwischen dem, was ich wollte, und dem, was ich abgeliefert habe, auf den Sommer zurückzuführen, in dem diese Briefvorlagen entstanden und in dem ich mich erst fröhlich und dann zunehmend weniger fröhlich in meine Einzelteile zerlegt hab. Ganz schön viel Leistungsdruck auf der einen Seite, ganz schön wenig Vorsorge- und Fürsorgemechanismen auf der anderen.

Und es ist gut, diese Dinge zu wissen. Denn oft bemerkt man, wenn man sich einmal auf die Wahrheitssuche macht, sich der Analyse des Problems annimmt, dem Streben nach dem Verstehen, dass den meisten unserer Problemen die fehlgeleitete Wirksamkeit einer Persönlichkeitsstruktur zugrundeliegt. Ein Missverständnis darüber, was wir und wie wir etwas tun müssen, weil wir eben so sind oder noch viel schlimmer: weil wir eben nicht so sind, aber gerne so sein wollen.

Ich, zum Beispiel, rede mir seit Jahren ein: „Du brauchst Druck, unter Druck arbeitest du besser.“ Was ja sicherlich nicht weit hergeholt wird, weil ich unter Druck nicht die Nerven verliere und ich mich unter Druck besser fokussieren kann. Aber der Sommer dieses Jahres beweist – zu lange unter Druck gearbeitet und ich bin absolut zu nichts mehr in der Lage, selbst Monate später nicht.

Vielleicht muss ich also an den angenommenen Wahrheiten über mich selbst schrauben. Einen Weg finden, wie ich nicht nur unter Druck gut arbeite, sondern auch ohne Druck nachhaltig effizient und produktiv, ohne mich regelmäßig vom Boden aufwischen zu müssen. Ein Satz, der mich zu diesem Persönlichkeitsprojekt schon ein paar Jahre begleitet? If you're tired, learn to rest, not to quit.1 Vor ein paar Tagen bin ich wieder drüber gestolpert und ich denke, das wird mein 2018 Motto.

Womit wir beim großen Thema wäre, nicht wahr? Vorsätze.

Wir haben 2017 geschafft, wir haben auf 2017 zurückgeblickt und jetzt wenden wir uns in einer gesellschaftlich fokussierten Willkürlichkeit dem 1. Januar 2018 zu, ab dem wir ein besserer Mensch werden.

Und was hab ich für Vorsätze! Das muss man mir lassen. Mein Optimisten-Ich kombiniert mit den Ambitionen, die mein Slytherclaw-Herz mir ins Ohr flüstert, hat sie praktisch alle. Weniger Süßes essen. Überhaupt gesünder essen. Zurück zur vorbildlichen Sportroutine des Frühjahrs 2015. Mich weiterbilden, sei es im Aufbau einer Website, sei es bezüglich des Schreibhandwerks, sei es mein Weltwissen, sei es im Rahmen des Ableismus/des Klassismus, der noch immer so schnell mein Denken prägt. Das Studium ernsternehmen. Mich politisch engagieren. Öfter mal mutig sein. Öfter noch freundlich sein. Effizienter schreiben. Endlich den Sprung ins kalte Wasser wagen. Selbstliebe!!! Mehr lesen. Mehr sehen von der Welt. Chancen nutzen. Meine Kontakte besser pflegen. Menschen, die mir schaden, aus meinem Leben schmeißen. Die weihnachtlichen Postboten in etwas umbenennen, was weniger christlich geprägt ist, weil das nicht inklusiv ist. Und so könnte ich noch Seite um Seite füllen.

Der Punkt ist – um all das zu schaffen (und „zu schaffen“ meint nicht „zur Perfektion fertigzubringen“, sondern „dranzubleiben, nicht aufzugeben, wieder anzufangen, wenn's Pausen gab“), muss ich ein Mensch werden, der ich heute noch nicht bin. So wie ich hier heute sitze, trinke ich grad Eistee und esse Lebkuchenherzen, habe seit zwei Wochen keinen Sport gemacht und meine Lernzettel noch nicht fertig, ich hab gestern Abend noch gesagt „Du bist der Wahnsinn“, obwohl ich „Du bist großartig“ meinte und hab im Dezember höchstens 10 000 Wörter geschrieben und keine davon an einem Romanprojekt, das das Licht der Öffentlichkeit zu sehen bekäme. So wie ich hier heute sitze, hab ich mein Briefprojekt in den Sand gesetzt.

Aber – und das ist der spannende Teil dieser Zeit des Jahres – ich muss mir keine Sorgen machen, denn ich als Mensch bin noch nicht fertig. Und selbst, wenn ich all die Punkte auf der Liste abhaken könnte, wär ich noch nicht fertig. „Fertig“ ist keine Kategorie, die sich auf Persönlichkeiten anwenden lässt. Wir werden, wenn wir wollen, nur mehr wir. Weniger unkommentiertes Produkt unserer Umwelt und mehr bewusste, individuelle, kognitive Kontrolle. In vielerlei Hinsicht ist unser Verhalten gelernt. Es liegt an uns, uns der Lektionen bewusst zu werden und uns in einige der Kurse einzutragen, die uns dem Menschen näher bringen, der wir sein wollen.

Und wer weiß, ob es 2018 ein Briefprojekt geben wird.
Aber das Potential, das gibt es. Und ich, als die große Liebhaberin menschlichen Potentials, werde mein Bestes geben, um 2018 zu einem Jahr zu machen, in dem ich Potential erhalte, in dem ich es kultiviere und pflege, anstatt es bis zur Versiegung zu erschöpfen. Denn mit gepflegtem Potential, mit einem geliebten Selbst, mit einer nachsichtigen Gestaltung des Jahres, die Pausen nicht mit Scheitern gleichsetzt, kann man solches Potential ganz wunderbar umsetzen.
Und dann, danndanndann, kann es 2018 vielleicht sogar ein Briefprojekt geben.

In diesem Sinne,
kommt gut ins neue Jahr, ihr wundervollen Unfertigen.
Es ist ein Jahr fürs Wachsen und Aufblühen.
Ihr habt euch das verdient. Gönnt es euch. Ich glaub an euch.


In aller Liebe,
eure Kira ♥


1Wenn du müde wirst, lern dich auszuruhen anstatt aufzuhören.
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