[SCHREIBEN] #amediting - ein Plädoyer

Sonntag, 26. November 2017


Es ist NaNoWriMo. Wem das nichts sagt, es steht für National Novel Writing Month und »es ist« ist eigentlich schon zu viel gesagt. Es ist noch, es wird schon bald nicht mehr sein und dann sitzen wir da mit unseren fünfzigtausend Wörtern, die uns an den guten Tagen zu König_innen unserer Zunft gemacht haben, an schlechten Tagen aber unser ganz persönlicher Fluch waren.
Fünfzigtausend Wörter, die vielleicht einen ganzen Roman ergeben. Vielleicht braucht es auch noch zehn-, zwanzig-, dreißig-, vierzigtausend, um ihn zu vollenden, aber wie und wann auch immer: irgendwann müssen wir unseren strebsamen #amwriting Hashtag aufgeben und dem Inner Critic ins Auge gesehen, den wir im vergangenen Monat (hoffentlich) so rigoros ignoriert haben.

Bald steht sie an, die Zeit fürs Überarbeiten.

Und was dann, verwandelt sich unsere Leidenschaft, unsere Berufung, unser liebstes Hobby, unsere Karriere zu einem Höllensumpf, in den hinabzusteigen uns schon graut, bevor wir uns potentielle Änderung auch nur überlegt haben? Ist die Überarbeitung wirklich der große Endgegner, an dem wir alle scheitern müssen?

Ich denke nicht.
Was nicht unbedingt heißt, dass ich es nicht manchmal trotzdem so empfinde.
Aber für mich als die große Liebhaberin des Potentials kann das Überarbeiten nicht verabscheuen.

Es wurde schon unzählige Male auf alle erdenkbaren Arten und Weisen gesagt: das, was wir in diesem ersten Entwurf geschrieben haben, ist nur das: ein erster Entwurf. Wir haben uns, so Terry Pratchett, die Geschichte erstmals selbst erzählt. Worum geht es? Wer sind meine Hauptfiguren? Wo ist der Konflikt? Wo brennt es? Wo schmerzt es? Wo steckt die Hoffnung? Wer bringt den Twist? Wie sieht er aus?

Vielleicht waren wir auch mutig und haben uns ausprobiert. Verschiedene Stile, verschiedene Sichten. Vielleicht hat uns die Chronologie genervt und wir haben kurzerhand entschieden, dass die Welt genügend lineare Erzählverläufe gesehen hat. All das sind Möglichkeit. All das ist bislang unser Rohmaterial. Wir haben, wie Shannon Hale sagt, Sand in einen Sandkasten geschaufelt und jetzt geht es daran, Sandburgen daraus zu bauen.

Und was für Sandburgen das werden!
Das Überarbeiten unserer Geschichten, die Analyse dessen, was funktioniert hat, was nicht funktioniert hat, die Fokussierung auf unsere Vision, auf das, was wir erzählen wollen, all das macht diese so gern so verhasste Phase spannend. Unglaublich spannend. Und, an guten Tagen, auch unglaublich befriedigend.

Während im Schreibprozess der große Triumph ist, dass die Geschichte wird, ist im Überarbeiten der große Triumph, dass die Geschichte besser wird. Und auch wenn ich sicherlich nicht für jeden Schreiberling sprechen kann, fühle ich mich meinen Charakteren gegenüber doch verpflichtet, ihre Geschichte bestmöglich zu erzählen.

Und das heißt, das Überarbeiten sollte das Größte für mich sein. Warum ist das so oft nicht der Fall?

Vielleicht, weil es schwer ist, das OP-Werkzeug an unser Baby zu legen. Weil eine Untersuchung auf Herz und Nieren heißt, dass wir bösartiges Gewebe herausschneiden müssen. Dass sich, was wir für einen Arm gehalten haben, als ein Bein herausstellt und wir unseren Fehler nicht nur einsehen, dass wir vielmehr auch amputieren und an anderer Stelle wieder annähen müssen. Dass wir vielleicht sogar ganze Partien durch Prothesen ersetzen müssen, um die Funktionalität zu steigern.

Vielleicht auch, weil die Distanz fehlt, um an die tiefer liegende Struktur der Story zu kommen. Weil wir gerade das Finale geschrieben haben und alles so gottverdammt emotional ist und wieso muss das immer so wehtun?

Beides legitime, aber temporäre Gründe.
Es fehlt die Distanz? Dann warte doch ruhig bis ins neue Jahr, bevor das Überarbeiten anfängt.
Es fehlt der Mumm? Dann probier dich davon, zu überzeugen, dass nicht zu überarbeiten unterlassene Hilfeleistung wäre.

Niemand, den ich kenne, schreibt einen perfekten ersten Entwurf. Und ich kenn verdammt gute Autoren. Wirklich verdammt gute Autoren. Aber selbst bei denen ist immer Luft nach oben.

Weil Luft nach oben nicht heißt, dass man ein schlechter Autor oder am NaNoWriMo gescheitert ist. Man kann der Story allesallesalles gegeben haben und es ist trotzdem nicht auf Anhieb genug. Das Brillante, das, weshalb das Schreiben so süchtig macht, ist ja, dass man an den Geschichten wächst, die man erzählt. Dass man mit ihnen wächst.

Du bist, wenn du das Wort Ende unter einen Roman setzt, nicht dieselbe Person, die das erste Kapitel geschrieben hat. Das heißt, du hast der Geschichte zu jedem Zeitpunkt mehr zu geben als zum Zeitpunkt davor. Das heißt: du hast alles Potential, das Potential deiner Geschichte zu verwirklichen.

Aber zu behaupten, Potential alleine reicht, wäre Augenwischerei.
Potential zu verwirklichen, ist harte Arbeit – daran ändert meine Lobhymne aufs Überarbeiten auch nichts.
Und es ist ja klar, dass es harte Arbeit sein muss, aber wie das gerne so ist, vergisst man, sobald die Arbeit erledigt ist, häufig genug, wie hart sie war, bis man das nächste Mal dazu ansetzt. Dabei muss man sich nichts vormachen, wenn von hundert Wegen neunundneuzig falsch sind, dann kann es schon mal dauern, bis man den einen findet. Und je länger es dauert, desto frustrierender wird es.

Lasst mich euch eine kleine Geschichte erzählen von mir und dem Überarbeiten von Der Unterschied zwischen Waffenstillstand und Frieden.

Angefangen als eine Schnappsidee, die wacklig auf drei Pfeilern stand – eine Geschichte gegen kleinstädtliche Engstirnigkeit, eine us-against-the-world-Dynamik, ein illegaler Altersunterschied – schrieb ich den ersten Entwurf in zwei Etappe, Kapitel eins bis drei im Januar 2014, Kapitel vier bis hundertdrei zwischen Februar und September 2015. Ich war überglücklich. Im Februar hatte ich endlich beschlossen, das Schreiben so ernst zu nehmen, wie es mir war, und hatte mir einen Masterplan gemacht, der mich zuletzt tagtäglich mehrere Kapitel schreiben ließ – am 30. August/1. September sogar bis morgens um fünf. Um 5:20 setzte ich schließlich das Wörtchen Ende.

Die Geschichte war denkbar dramatisch. Und sie war chaotisch. Die meisten Szenen waren drin, weil sie mir gefielen. Weil sie in der Welt, die ich geschaffen hatte, möglich waren. Weil ich mich unsterblich in meine Hauptfigur verliebt hatte – und ihr Leben in buntesten Farben beschrieb, in glorreichsten Farben. Dass die Geschichte darunter litt, dass ich auch allen Charakteren diese Liebe andichtete, … rückblickend kann ich das zugeben, aber im Moment des Fertig Stellens? Vergiss es. Kim war meine große Optimistin. Sie war ein Wunderkind am Klavier. Sie war gottgegebenes Geschenk an all die Menschen um sie herum.

Dass meine Testleser das nicht so sahen, als sie sich durch 700 Seiten gequält hatten, ist nicht weiter überraschend. Viel Feedback war sehr wohlwollend, aber zum Glück hab ich ein paar ganz wunderbare Seelen in meiner Nähe, die kein Blatt vor den Mund nahmen.
Mit dem Ergebnis, dass ich weinend und bis nachts um vier wach lag, weil die Geschichte hat Potential, aber noch würde ich sie niemandem empfehlen für mich ein Weltuntergang war. Wie es so oft mit den empfunden Weltuntergängen ist, war auch dieser einer, der mich eigentlich rettete.

Weil ich anfing, drüber nachzudenken: Was brauchte ich wirklich für die Geschichte, was war eigentlich die Geschichte? Ging es wirklich um Bens Band, wenn ich doch von Kims Liebesgeschichte mit John sprechen wollte? War Verräterin wirklich das einzige Attribut, das ich Tina mit in die Wiege legen wollte? Und wieso war Katha, die ich sehr geliebt habe, so schlecht angekommen?

Die Antworten, die ich mir gab, zogen so umfangreiche Änderungen nach sich, dass ich beschloss, die Geschichte einfach noch einmal zu schreiben. Ich behielt einige Pfeiler dabei, aber zentrierte die Geschichte sehr viel stärker um meine beiden Hauptfiguren und entwickelte neue Methoden der Kommunikation (Chats). Es gab jetzt nur noch ihre beiden Sichten, es gab nur noch Szenen, in denen sie auch agierten, alles hatte direkten Bezug zur Handlung, die ich erzählte. Und ich reduzierte meine hundertdrei Kapitel auf dreißig. Im März und April 2016 schrieb ich die Geschichte. 600 Seiten waren es noch immer. Aber 600 Seiten, die – da war ich mir sicher – besser waren als die ersten 700.

Der Überarbeitungsprozess war rigoroser als der vorherige. Ich warf die Linearität über den Haufen, um der Überlänge beizukommen, und weil mir das Abwechseln zweier Erzählstränge raumgreifende Übergänge sparte. Ich strich noch einmal Charaktere. Und versuchte, mich in meinem Pathos zu korrigieren.

Mit dem Ergebnis, dass das Feedback deutlich besser war, aber sich noch immer Leerstellen offenbarten. Diesmal blieben die Tränen aus. In Zusammenarbeit mit ganz besonders einer meiner Testleserinnen war ich jenseits von Schönheitsfehlern und Charakterisierungen auf ein ganz strukturelles Problem meiner Geschichte gestoßen. Sie war zu lang. Es war zu viel zu erzählen, wenn ich versuchte, zwei Spannungsbögen in eine Geschichte zu packen.

Wie sollte ich auf nur 300 Seiten sowohl den persönlichen Konflikt von Kim und John, sich ineinander zu verlieben, obwohl es gesetzlich verboten war, thematisieren als auch den Spießrutenlauf, der begann, als die Gesellschaft sich gegen sie verschwörte? Wie konnte ich darüber hinaus der Charakterisierung genug Platz einräumen? Und was war mit den Nebenfiguren, die ich so lieb gewonnen hatte?

Wir rissen alles nieder. Wo lag der eigentlich Konflikt? Durch welchen Fokus ließen sich aus zwei Spannungsbögen einer machen? Wie würde es mir gelingen, aus einem Meer an Nebencharakteren einen Strom zu machen, der die Handlung vorantrieb und gleichzeitig eine Bühne für Charakterisierung meiner Hauptfiguren ließ?

Die Lösung war so abwegig wie naheliegend: was ich erzählen wollte, war gar keine Liebesgeschichte.Was ich erzählen wollte, war Kims Geschichte. Kims Geschichte davon, wie ihre Familie zerbricht und dass Familien das verdammt nochmal nicht dürfen, wenn du sechzehn bist. Fast alles, von dem ich in den ersten zwei Entwürfen geglaubt hatte, es sei wichtig, fiel raus. Ich strich Liebesgeschichten. Ich strich Charaktere. Ich reduzierte auf neunzehn Kapitel. Die Ehe ihrer Eltern war schon zerbrochen. John verlor das Privileg, Szenen aus seiner Sicht schildern zu dürfen.

Und dann schrieb ich. Innerhalb von zwei Monaten schrieb ich einen Roman von 110 000 Wörtern und gut 400 Seiten und er fühlte sich hundertmal richtiger an als die ersten beiden. Feedback meiner allerliebsten Schreibherzen prägte schon den Schreibprozess, es kamen Szenen dazu, andere wurden geändert und dann war es mal wieder soweit. Ich hatte einen Roman geschrieben.

Es war ein ganzes Stück Arbeit gewesen, denn nach zwei komplett Umstürzen schreibt man mit einer gewissen Angst vor der Überlänge, aber das Ergebnis war absolut im legitimen Rahmen und ich hatte das Gefühl, Kim dieses Mal sehr viel gerechter geworden zu sein. Jetzt war sie nicht tragische Heldin einer Liebesgeschichte, die ihr von der Welt nicht gegönnt wurde. Sie war einfach sie selbst, zu gerade dem Zeitpunkt in ihrem Leben, in dem Dinge kopfzustehen begannen, auf die sie so lange gezählt hat, in dem sie begann, es in ihre Hände zu nehmen.

Wir hatten eine Geschichte. Und ich hatte eine Überarbeitung vor mir.
Ausgedruckt begleitete mich das Manuskript nach Malta. Und danach bis in den November hinein. Ich strich und strich, insgesamt 30 000 Wörter. Schrieb mehrere Szenen neu. Strich noch einmal Charaktere, legte Szenen zusammen. Reduzierte auf dreizehn Kapitel.

Und erreichte dabei einen Punkt, an dem ich glaubte, zu weit gegangen zu sein. In elf Tagen wollte ich neun Kapitel fertig machen und nahm dafür in Kauf, dass ich jede freie Minute mit dem Projekt verbrachte und eine ganze Menge anderes vernachlässigte. Mein Kopf qualmte und doch konnte ich nicht von meiner Deadline lassen (das ist eine Geschichte für einen anderen Tag).

Am Mittwoch, dem 1. November, hatte ich genug. Ich hatte so sehr genug, dass ich einen schrecklichen Thread bei Twitter verfasste: ich habe die Magie weggekürzt. Meine Rationalisierungen in diesem Thread, verbunden mit der Ermutigung meiner liebsten Schreibfreundinnen, dass es Zeit ist, andere an den Text zu lassen, waren gut genug, um die Mail an die Testleser dennoch raus zu schicken.

Aber in den folgenden zwei Wochen lief ich kreativ auf dem Zahnfleisch. Der NaNoWriMo gab mir die Möglichkeit, in ein anderes Projekt zu stürzen, aber für mich ganz untypisch waren schon die geforderten 1667 Wörter täglich eine unglaubliche Anstrengung. Ich hatte dem Unterschied allesallesalles gegeben und nicht aufgehört, als da nichts mehr war. Das, bei allem Wohlwollen, bei aller guter Absicht, schulden wir unseren Geschichten nicht. Wir müssen uns für sie nicht außer Gefecht setzen.

Oder vielleicht müssen wir es doch. Einfach, um zu erfahren, wo die Grenzen sind, und um eine unsagbar wichtige Lektion zu lernen: wir müssen aus der Geschichte nicht alleine das Beste machen, das sie sein kann. Das 21. Jahrhundert ist nicht länger das Zeitalter der Genies. Es ist ein Zeitalter derjenigen, die sich vernetzen, die sich Hilfe holen, die in der Interaktion einen Schatz zu finden verstehen.

Ich habe meinen Schatz gefunden. Menschen, die sich gleichermaßen in meine Geschichten investieren, wie ich mich in ihre investiere. Kleon bezeichnet es als Scenius statt einem Genius. Und jedem, der sich demnächst durch Überarbeitungen schlägt, wünsche ich einen solchen. Einen Zusammenschluss von Menschen, die sich für die Kunst des jeweils anderen begeistern können und die verstehen, dass auch der Prozess schon dazu gehört.

Ja, am Ende ist ein Ding zwischen dir und dem Manuskript.
Ja, am Ende trägst du die Verantwortung und niemand kann dir die abnehmen.
Aber wer du bist und was du zu geben hast, ist so sehr mitbestimmt vom Umgang, den du pflegst. Und Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum.

Wenn du selbst mit deinem Latein am Ende bist, sind da immer noch Menschen, die dir einen Auffrischungskurs anbieten, eine Nachhilfestunde oder auch nur ein gemeinsames Rätseln, das ein Brainstorming, das eine brillante Idee wird. Und wie war das noch? Geteiltes Leid ist halbes Leid? Auch im Schreiben, diesem so, so, so persönlichen Zeitvertreib, gilt das. Und im Überarbeiten erst recht.

Dementsprechend: haut rein, ihr lieben NaNoWriMos. Schafft es gut in den Dezember, schafft es gut vom Schreibrausch in die Überarbeitungsphase. Sie steht euch zu, mit all ihren Triümphen und Erfolgen. Mit all ihren Sensationen und Rückschlägen. Und wenn ihr sie durchgestanden habt, wird es sich gelohnt haben. Das verspreche ich.

Denn wie sagt das Internet so gern? Es ist noch nicht das Ende, wenn nicht alles gut ist.
Ich bin das beste Beispiel dafür, wie oft man glauben kann, am Ende zu sein, nur um festzustellen, dass noch nicht alles gut ist. Das darf man dann ärgerlich finden, man darf auch mal kurz zweifeln oder jammern, aber dann macht man sich wieder an die Arbeit und Schritt für Schritt kommt man der Geschichte näher, die es am Ende werden soll.

Und das, ihr Lieben, ist ein Triumph ganz eigener Art. Einen, der so süß schmeckt, dass ihr all die harte Arbeit vergesst und es am liebsten gleich wieder tun wollt. Holt ihn euch. Ihr könnt das. Ich glaube an euch. ♥

Alles aus Liebe,
eure Kira


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