[GESELLSCHAFT] Sum ergo communicato.

Sonntag, 19. November 2017


Ich bin, also kommuniziere ich.
Es ist mir gar nicht anders möglich.
Man hört Musik aus meinem WG-Zimmer, bekommt mich aber nicht zu Gesicht? Hab ich wohl meine Anwesenheit und meine Unlust, zu interagieren, kommuniziert.
Eine Kommilitonin sagt etwas Schlaues und ich hebe nicht nur die Augenbrauen, ich lächle sogar? Zack! Meine Anerkennung (und Zustimmung) kommuniziert.
Im Zug stehe ich auf, weil ein älterer Herr den Wagon betritt und sonst kein Sitzplatz frei ist? Wie auch immer wir es nennen wollen – Freundlichkeit, Anstand, Aufmerksamkeit – ich habe es kommuniziert.

Und das alles, bevor ich ein einziges Wort gesagt habe.
Nun sind wir aber eine Spezies, die wirklich viele, viele, viele Wörter sagt. Und ich gehöre noch zu einem ganz speziellen Schlag Mensch, weil mir Worte auch noch jenseits ihrer Funktion Spaß machen. Kommunikation macht mir Spaß.

Was noch nicht heißt, dass ich sonderlich gut darin bin, zu kommunizieren.

Did he see what I saw? Does he feel what I feel?1

Denn zu Kommunikation gehören immer zwei.
Was ich sage, wird von dir gehört.
Was du sagst, wird von mir gehört.
Nun weiß das jeder, der den Versuch unternimmt, sich mitzuteilen.

Und genau da liegt das Problem.
Wir denken mit. Wir denken bei dem, was wir sagen (oder nicht sagen), mit, wer es hören wird. Du denkst, du nimmst auf meine Gefühle Rücksicht, wenn du sagst, mein Zug fällt aus statt Ich hab heute keine Lust, wenn du unser Treffen absagst. Ich denke, ich würde zu willig erscheinen, wenn ich dir direkt nach dem Date schreibe, wie gern ich dich wiedersehen würde. Wir denken, unser Dozent hat uns auf dem Kieker, wenn wir ihm widersprechen. Wir denken, es ist zu peinlich, zu sagen, dass wir Justin Bieber, Musicals oder Barbiefilme mögen, und dass wir dann nicht mehr ernstgenommen werden.

Und genauso überinterpretieren wir alles, das uns gesagt wird: Ich denke, du hast in der letzten SMS keinen Smiley geschickt, weil du wütend auf mich bist. Du denkst, ich würde eifersüchtig werden, wenn du von dem Konzert erzählst, auf das du ohne mich gegangen bist, also sagst du lieber nichts dazu. Wir denken, jemand erwähnt etwas, das ihn nervt, weil wir es tun und er will, dass wir aufhören. Wir denken, dass eine Unterhaltung deshalb verstummt, wenn wir den Raum betreten, weil es um uns ging.

Und prompt ist aus dem gesagten C ein gehörtes abCde geworden. Oder gar ein gehörtes ABcDE.
Wieso?
Weil wir den Menschen unserer Umgebung mangelhafte Kommunikationsfähigkeiten unterstellen.

But what's it really about?
Is it really about a party, Cathy?
Can we please for a minute stop blaming and say what you feel?2

Ich war vor einer Weile auf einem Date. Wir kannten uns davor nicht, also ging es mehr um Find ich dich interessant genug, um dich nochmal zu treffen als um Oh mein Gott, all diese Schmetterlinge, was sag ich bloß, ahhhhhh. Und herauskam: nein. Sympathie, klar, aber sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem, was wichtig ist, im Leben. Ebenbürtigkeit, okay, aber eben völlig andere Blickrichtungen.
Nur … wie sag ich das? Wie sag ich ihm, dass mich seine hunderttausend Nachrichten nerven? Dass ich nicht fünf Bilder vom selben Gericht sehen muss? Wie sag ich ihm, dass es mich enorm irritiert, wenn er meine Bilder schon als Handyhintergrund hat? Das wird er bestimmt falsch verstehen. Da kam es her, das große Ahhhhhhhhhhhh, das uns fast immer unfähig macht, überhaupt noch zu kommunizieren. Weil ih, Auseinandersetzung, ih.
Aber – nach einem absoluten Kommunikationsfail zu Beginn des Sommers – hatte ich mir versprochen, vor Auseinandersetzungen nicht mehr davon zu laufen. Also hab ich ihm geschrieben. Freundlich, aber klar.
Und siehe da, kein Wutausbruch, kein weinerliches Aber warum? Kein Versuch, mich emotional zu manipulieren oder mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Keine Liebesschwüre, kein nichts. Ein Oh, okay, schade. Und alles war gut.

Ich sage nicht, dass es nicht Menschen gibt, die nur mehr schlecht als recht kommunizieren können.
Aber indem wir davon ausgehen, dass es so ist, machen wir sie zur selbsterfüllenden Prophezeihung, denn auch wir fangen an, schlechter zu kommunizieren.

Wir verstricken uns in Unwahrheiten und Versionen unserer Gefühle, die wir als sozial tauglich betrachten. Sei es das reflexhafte „Danke“ auf das gruselige „Na, Hübsche“ an der Bushaltestelle, das uns unsere Schritte beschleunigen und den Kopf senken lässt. Sei es geheucheltes Verständnis, weil man nicht in die Mitte eines Streits geraten will, aber nicht daran glaubt, dass Person A Verständnis dafür hätte, dass du auf der Seite von Person B stehst.

Und das stresst.
Das stresst so sehr, dass ich im Juli, unter anderem an meinem Geburtstag, dreimal täglich in Tränen ausgebrochen bin, weil mir der Spagat zwischen dem, was ich von mir wollte, und dem, was ich glaubte, der Welt schuldig zu sein, zu lange zu viel abverlangt hatte. Und nicht mal das traute ich mir zu kommunizieren, weil ich selbst guten Freunden von mir Worte wie „Ja, kein Wunder, bei denen Deadlines! Haha, selber schuld“ in den Mund dachte, die – als ich dann darüber gesprochen habe – natürlich, natürlich nur Worte der Aufmunterung und der Unterstützung für mich übrig hatten.

Kurzum: niemand gewinnt dadurch, dass wir schlechte Kommunikation als Status Quo annehmen.

When you're falling in a forest and there's nobody around,
do you ever really crash or even make a sound?3

Denn wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem Kommunikation elementar ist. Wir haben uns mit dem Internet einen Darstellungsraum erschlossen, der einzig auf Kommunikation basiert. Was ich hier eintippe, in meinem hübschen WG-Zimmer in Bonn, aus dem man Musik hört, jenseits dessen man mich aber selten zu Gesicht bekommt, kann von dir gelesen werden, wenn du in Berlin, Singapur, London oder Houston feststeckst.
Was ich bei Instagram poste.
Was ich bei Twitter poste.
Was ich bei Facebook poste.
Es wird erstaunlich selten gelesen, wenn du ebenfalls in Bonn, womöglich sogar in dem WG-Zimmer neben an sitzt. Die Person, die kommuniniziert, ist im „echten“ Leben und im Internet nicht identisch, selbst wenn sie in beiden Fälle „Ich“ bin.
Durch eine Variante der Anonymität, die eigentlich eher eine (nicht allzu belastbare) Unüberprüfbarkeit ist, fällt uns internetbasierte Kommunikation viel leichter als die im echten Leben. Die Konsequenzen sind andere. Die Reichweite ist eine andere. Die Wirksamkeit ist eine andere. Die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung sind andere, denn wir entscheiden, wann wir uns wo wie darstellen, während uns im echten Leben gar keine Chance gelassen wird, uns nicht darzustellen.

Im Internet gibt es etwa sich selbst kennzeichnende Kreise für meine Liebe zu Mark Uwe Klings Känguruchroniken. Im echten Leben nervt meine Besessenheit. Im Internet steh ich nicht allein da, wenn ich mich gegen whitewashing von TV-Serien und Filmen ausspreche. Im echten Leben wirkt es wie ein Problem, das eigentlich gar keins sein müsste, weil „sie es ja selber machen könnten, wenn sie's authentisch haben wollen“.

Und das lehrt uns eine fragwürdige Lektion: im Internet können wir „wir selbst“ sein, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen, denn es gibt Orte für uns. Gleichzeitig sind wir selten wir im Internet, denn wir sind fast immer auf die oder andere Weise anonymisiert (sei es in der Masse der anderen User, sei es durch Benutzernamen). Es kann sogar so weit gehen, dass wir im Internet dehumanisiert werden – denn wenn wir uns in Kreise verirren, in denen wir mit unseren Meinungen nicht willkommen sind, ist der Cyber-Mob nicht weit. Und ein Shitstorm im Internet nimmt Ausmaße an, die sich das „echte Leben“ meistens nicht traut, da es so viel leichter ist, einem Menschen dazu zu raten, sich umzubringen, wenn man nicht sehen kann/muss, was das mit ihm anstellt.

Im „echten“ Leben ist das etwas anderes. Da haben sich die meisten von uns deutlich besser im Griff. Wir verdrehen vielleicht die Augen, wenn jemand nicht aufhören kann, über neue Star Wars Episoden zu sprechen, aber wir gehen nicht zu Hunderten auf ihn los, weil er es gewagt hat, zu spoilern. Selbstkontrolle ist anscheinend gefragter als im Internet. Soziale Gefälligkeit ist gefragter. Und das beschneidet uns in unserem Kommunikationsverhalten.

So be kind, and don't lose your mind.
Just remember that I'm your baby.
Take me for what I am.4

Man kann von omg, i can't even und what is life und selbst von AHHHHHHHHHHH, also kurzum:
Fangegirle’, halten, was man will, aber man kann niemandem absprechen, sich nicht klar ausgedrückt zu haben. Wenn jemand derartig auf ein Kunstwerk reagiert, muss man sich nicht fragen, ob es ihm gefallen hat und was ihm daran gefallen hat, wird er dir auf Nachfrage auch ausführlichst erklären. Im echten Leben ist es manchmal schwer, mehr aus jemandem herauszubekommen als: Ja, ich mochte den Film. Die Actionszene war cool.

Wenn das aber alles ist, was an Emotion transportiert wird, aus Angst, soziale Konventionen zu verletzen und in unserer Begeisterung albern zu wirken, dann muss es uns nicht wundern, dass wir uns auch fragen, ob wir jemandem, den wir mögen, sofort die freudige Nachricht unserer Gefühle für ihn mitteilen dürfen oder ob wir nicht lieber noch drei Tage warten.

Wenn ich mich zensieren muss, um in ein Kommunikationsmuster zu passen, kein Wunder, dass ich annehme, dass andere das auch tun und ich in Gesprächen bloß Bruchteile ihrer Wahrheiten abbekomme. Aber auch kein Wunder, dass das mit der Zeit frustriert. Kein Wunder, dass wir uns mehr und mehr in die Internetpräsenzen stürzen, dass das Marketing-Konzept der etlichen Social-Media-Influencer ist, möglichst kennbar zu sein. Kein Wunder, dass wir uns im echten Leben fremder und fremder werden und immer öfter vor Rätseln stehen, wenn wir einen anderen mögen und ihn näher kennenlernen wollen, aber nicht recht wissen: wie.


New, and a bit alarming
Who'd have ever thought that this could be?
True, that he's no Prince Charming
But there's something in him that I simply didn't see.5

Und ich denke, dass alles, was hilft, unsere Bemühungen erfordert – ein bisschen ehrlicher zu kommunizieren, ein bisschen tiefer zu schürfen, ein bisschen weniger Konvention und ein bisschen mehr Neugierde. Vielleicht auch ein bisschen mehr Selbstdarstellung, um anderen zu zeigen, wie. Freundlich, aber klar.

Auseinandersetzungen sind vielleicht nur deshalb so gruselig, weil wir sie so lange vermeiden, dass es in Nulla Komma Zwei Sekunden nicht mehr um das eigentlich kontroverse Thema geht, sondern um alles, was wir dem anderen schon immer mal sagen wollten und es uns nie getraut haben.

Aber wollen wir es wirklich dem Ärger überlassen, der Wut, dem Zorn, das Gefühl zu sein, indem wir uns unserem Gegenüber ungeschönt zeigen können? Wieso nicht Begeisterung? Wieso nicht Freude? Wieso nicht Enthusiasmus? Ist nicht abzusehen, dass unsere Welt ein Stückchen heller würde, wenn wir uns öfter erlauben würden, wirklich zu strahlen anstatt nur zu lächeln? Das könnte doch deutlich spannender sein, oder?

Neu, ein bisschen aufregend, aber nichtsdestotrotz: spannend.

In diesem Sinne, alles aus Liebe,
eure Kira

P.S. Jap, das war 1-A Kommunikation, dass ich großer Musicalfan bin.


1Les Misérables: In My Life
2The Last Five Years: If I didn't believe in you.
3Dear Evan Hansen: Waving Through A Window
4RENT: Take me or leave me
5Disney's Beauty & The Beast: Something There
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