[ALLTAG] Zoon Politikon - Warum Politik unser Leben bestimmt.

Sonntag, 5. November 2017
Mein politisches Interesse verdiene ich einem Jungen, in den ich ganz fürchterlich verliebt und zu dem unser Sozialsystem ganz schrecklich unfair war. Ohne den Kontrast seiner Erfahrung hätte ich ein sehr bequemes Leben im Rahmen meiner Privilegien hätte und wäre damit zufrieden gewesen. Erst die schmerzliche Diskrepanz zwischen seiner und meiner Welt, die Stigmatisierung seiner Herkunft, die Stigmatisierung seiner Krankheiten, das Bedauern, mit dem man die Neuigkeit unserer Beziehung mir gegenüber quittiert hat, hat in mir den unstillbaren Wunsch entfacht, die Welt zu verbessern, damit so etwas niemandem mehr passieren muss.

Davor war ich natürlich schon an meiner Umwelt interessiert. Ich hab mein Herz gebrochen für das Mädchen in meiner Klasse, das von ihren Eltern geschlagen wurde. Ich hab mein Herz gebrochen für das Mädchen, das zu uns kam und uns wieder verlassen musste, weil ihre Magersucht ein Monster war, das sich nicht mit einem Kampf besiegen lassen wollte. Ich hab mit der Freundin gelitten, die sich durch das Schulsystem gequält hat, obwohl ein anderer Weg so viel besser für sie gewesen wäre. Ich bange mit der Freundin, die aufgrund einer Belastungsstörung die Schule mit einem Fachabitur verlassen hat, das nicht ihre Kapazitäten wiederspiegelt, sondern bloß die Ungnädigkeit unseres Schulsystems, und die seitdem jedes Mal daran scheitert, den Ausbildungsplatz zu erhalten, der ihr vorschwebt und für den sie (menschlich) wunderbar qualifiziert ist.
Aber über Mitgefühl, über einen Besuch zuhause, um sie ein Wochenende lang zu beschützen, über Verständnis, über ein gemeinsames Lernen ging das selten hinaus.

Die Erkenntnis, dass meine Position mich nicht nur befähigt, sondern in eine Verantwortung stellt, dass meinen Beistandsbekundungen auch Taten folgen müssen, die kam später. Und das ist ein Teil meiner Realität, den ich vermutlich mit vielen von euch teile: Es braucht erst eine Erschütterung des eigenen Lebens, bevor man versteht, dass auch wir selbst a - betroffen und b – befähigt sind. Denn eine solche Erkenntnis setzt eine Menge Reflektion voraus: es ist genauso viel Selbsterkenntnis wie Erkenntnis über die Welt.

Aristoteles hat es vor vielen Jahrhunderten schon auf den Punkt gebracht: der Mensch ist ein zoon politikon. Soll heißen: ein soziales, auf Gemeinschaft ausgelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen. Wir können gar nicht anders. Uns liegt – unserer Natur entsprechend – daran, gut zusammenzuleben. Dafür akzeptieren wir, dass es eine Ordnung geben muss, die alle als Rahmen ihres Lebens akzeptieren.
Auf unser Leben übertragen: die Gesetzgebung des Bundesstaat, aber auch gesellschaftliche Konventionen, die eher ‚ungeschriebene Gesetze’ sind. Diese Ordnung wird (zumindest in Deutschland) nicht mehr als von Gott gegeben verstanden. Anders war das im Mittelalter, dort galt der König als Gottes Stellvertreter auf Erden und dadurch legitimierte sich sein hoher Stand und die Macht über seine Untertanen.
Heutzutage sprechen wir in Deutschland diese Macht einer Riege von Repräsentanten zu, aus deren Mitte die Regierung geformt wird. Diese Regierung besetzt verschiedene Ministerien und trifft Entscheidungen von bundesweiter Geltung, die alle Bereiche unseres Lebens betreffen. Da die einzelnen Politiker bzw ihre Parteien (in der Theorie) angegeben haben, wofür sie stehen, und über diesen Katalog ihrer Vorhaben ihre Wählerschaft errungen haben, stehen sie in der Erwartung, sich an diese Verkündigungen auch zu halten.

Nun gibt es zu jedem Thema mehr als eine Meinung. Meistens sind es widersprüchliche Meinungen, geboren aus unterschiedlichen Prioritäten, durchaus auch mit unterschiedlichen Zielen und einer abweichenden Idee davon, mit welchen Mitteln und Methoden man diese Ziele erreichen kann. Die Vielzahl dieser Meinungen wird zwar minimiert, indem wir Repräsentanten wählen, aber eliminiert wird sie nicht. Das heißt nichts anderes, als dass Kompromisse von Nöten sind.

Da dies so ist und sich mit der Wahl des ‚richtigen’ Repräsentanten noch nicht jedes Wahlversprechen erfüllt hat, ist es für uns von Interesse mitzuverfolgen, welche Entscheidungen getroffen werden. Ansonsten bemerken wir es nämlich erst, wenn unser alltägliches Leben – in der Gemeinschaft, die wir anstreben und bilden – von diesen Entscheidungen betroffen wird. Dieses zeitverzögerte Bemerken ist dann meistens eine eher unangenehme Angelegenheit.

Für mich heißt das: man muss die Politik im Auge behalten. Man muss, so trocken sie manchmal erscheinen mag, ein Blick darauf haben, ein Interesse dafür entwickeln, was dort oben für unser aller Leben entschieden wird.


Und wer es schwer findet, zu glauben, dass a l l e s Politik ist, obwohl es doch die eine Aufgabe ist, die Politik hat – unser Zusammenleben zu regeln – für den habe ich hier einmal einen kleinen Lebenslauf vorbereitet, der darauf verweist, wo unser Leben überall von Politik beeinflusst wird.

01 Alles Gute zum Geburtstag!

Es beginnt. Unter dem Aufwendung all unserer Kraft haben wir es auf die Welt geschafft. Was jetzt? Gibt es eine Hebamme, die sich um uns und unsere Mama kümmert? Haben wir das Glück, dass zwei liebende Menschen darauf warten, uns adoptieren zu können? Erfahren unsere Eltern genug Unterstützung durch den Staat, dass wir vergleichbare Chancen haben wie alle anderen Babies auch, auch wenn unsere Eltern vielleicht weniger Geld verdienen?

Das zukünftige Ministerium für Arbeit und Soziales wird das entscheiden: entweder es verbessern sich die Zustände im sozialen Arbeitssektor und Hebammen können wieder von ihrer Arbeit leben, ohne den persönlichen Ruin zu riskieren, oder nicht. Dann sieht es für uns Kinder schlimm aus.

Das zukünftige Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entscheidet, wer uns adoptieren kann und welche Unterstützung diejenige Familie erhält, bei der wir am Ende landen, seien das biologisch oder juristisch unsere Eltern.

02 Home is where the heart is.

Stellt sich die nächste Frage: Wer kümmert sich um uns? Mama? Oder Papa? Können sie sich das leisten, dass jemand bei uns bleibt und uns in dieser Zeit bestmöglich zu fördern, die bestätigter Weise eine der prägendsten Zeiten unseres ganzen Lebens ist? Wird es von Papas genauso erwartet werden, sich um den Nachwuchs zu kümmern, wie von den Mamas? Hat unsere Mama eine Chance, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, wenn wir erfolgreich in das Leben als Mensch auf diesem Planeten eingewöhnt worden sind?
Und wenn sie es tut, können wir auf einen Kitaplatz zählen, wo wir im Kontakt mit anderen Kids lernen, wie das so funktioniert mit dem Zusammenleben, wo Grundsteine unserer Kommunikationsfähigkeiten gelegt werden, Grundsteine unseres Selbstbewusstseins, unserer kognitiven Fähigkeiten, unsere Identität begründet wird? Sind die lieben Erzieher und Erzieherinnen, die sich dieser so wichtigen Phase unserer Entwicklung widmen, bestmöglich ausgebildet? Sind sie ausgeruht und ausgeglichen? Wach genug, um uns all das zu bieten, was wir brauchen, um uns zu Menschen zu entwickeln, die nicht erst lange Jahre damit verbringen müssen, schädliche Mechanismen wieder zu verlernen? Oder müssen sie drei Jobs haben, weil sie sich sonst nicht über Wasser halten können?
Oh, und wenn wir es dann in die Kita geschafft haben und richtig toben dürfen, draußen, uns im Dreck suhlen und unsere Körper kennenlernen, haben wir dann die beste gesundheitliche Versorgung? Oder könnte es sein, dass unsere Eltern über unsere Köpfe hinweg entscheiden, dass ‚Impfschutz’ gleich bedeutend mit ‚Autismus generierend’ ist?

Für Antworten behalten wir mal folgende Ministerien im Auge:
- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Gesundheit

03 Drei mal drei macht sechs – oder nicht?

Schule! Gibt es etwas Aufregenderes im Leben eines Sechsjährigen? Vermutlich nicht. Zumindest nicht in der ersten Woche.
Wenn sich dann die Frage stellt, wie groß die Klassen sind, in die wir kommen, und wie gut die Lehrer ausgebildet sind, wie überfordert sie sind, wenn sie alleine vor Klassen mit dreißig Kindern stehen, die allesamt mit unterschiedlichen Bildungsstandards kommn und aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammen, die manchmal vielleicht noch kein Deutsch sprechen können oder nie gelernt haben, dass man mit Emotionen umgehen kann, ohne (auto-)aggressiv zu reagieren, dann sieht das schon wieder ganz anders aus. Wie wird Inklusion funktionieren? Welche Maßnahmen werden getroffen, um den Kids unter die Arme zu greifen, die in ihrem kurzen Leben schon vor dem sicheren Tod weglaufen mussten und nur eine Chance auf eine Zukunft wollen?
Wie sieht es aus, mit psychologischer Unterstützung? Mit individueller Förderung? Was bekommen wir in der Mensa zu essen? Steht emotionale Intelligenz auf unserem Stundenplan? Wie werden die neuen Unterrichtskonzepte legitimiert, die man an uns ausprobiert? Wie sieht es mit Fahrradwegen aus, auf denen wir sicher in die Schule kommen? Können wir mit auf Klassenfahrt, auch wenn unsere Eltern sich die 600€ nicht mal eben so aus den Rippen leiern können?

Bei weiteren Fragen und für alle Antworten:
- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Bildung und Forschung
- Ministierum für Ernährung und Landwirtschaft
- Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur


04 Hurra, hurra, die Schule brennt!

Grundschule geschafft. Jetzt geht’s erst richtig los. Hauptschule, Realschule, Gymansium? Gesamtschule? Wird diese Wahl irgendwann nochmal eine andere Bedeutung haben als: ‚Keine Zukunft’, ‚mit ein bisschen Glück eine Zukunft’, ‚ja, doch irgendeine Zukunft gibt’s bestimmt’? Wie lang werden wir in der Schule sein: Halbtags? Ganztags? Acht Jahre oder neun? Wird Informatik zur Allgemeinbildung gehören? Und was ist mit Steuern - werden wir lernen, wie Steuern funktionieren? Und Sexualunterricht? Werde ich mich dort wieder finden, wenn ich nicht (ausschließlich) an einer heterosexuellen Beziehung interessiert bin? Und was, wenn ich mich nicht mit meinem biologischen Geschlecht identifizieren kann? Was, wenn ich mich weder als (ausschließlich) männlich noch als (ausschließlich) weiblich empfinde? Werden, wenn wir unsere Tage bekommen, Tampons, Binden, Menstruationstassen staatlich subventioniert werden, weil der Menstruationszyklus üblicher Weise alternativlos ist?
Oh, und mein bester Freund seit der dritten Klasse? Der bestens integriert ist, aber plötzlich abgeschoben werden soll? Wird es einen Unterschied machen, wenn wir als Klasse das halbe Internet dazu bringen, für ihn zu unterschreiben, oder müssen wir damit zusehen, wie dieser Staat sein Leben ruiniert?
Und wenn wir in den Urlaub fahren, muss ich mit Passkontrollen an der Grenze rechnen? Widerfährt mir eine ungerechtfertigte Benachteiligung, weil ich einer andere Ethnie angehöre als die Mehrheit? Brauche ich ein Visum?
Was, wenn wir unsere Eltern uns sagen, wir müssen uns einen Job suchen, wenn wir den Führerschein haben wollen. Wie sind unsere Rechte da? Gibt es einen Mindestlohn? Wie viele Stunden dürfen wir arbeiten? Bis wann? Und wenn wir ihn dann haben, den Führerschein? Was tut der Staat für meine Sicherheit auf den Straßen? Gibt es wirksame Kampagnen gegen das Trinken am Steuer? Und was, wenn ich keinen Führerschein haben will? Gibt es eine gute Anbindung durch Bus- und Bahnlinien? Sind die Fahrradwege endlich ausgebaut? Oder kann ich, wenn ich die Umwelt schonen will, Elektroauto fahren?

- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Bildung und Forschung
- Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur
- Ministerium für Inneres
- Ministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
- Ministerium des Auswärtigen Amts


05 Lebe deinen Traum!

Es ist so weit – Schulabschluss in der Tasche! Der Ausbildungsplatz winkt. Der Kampf mit dem NC beginnt. Und was, wenn sich für mich keinen Platz findet? Hab ich ein Recht auf BAföG? Wenn nicht, reguliert jemand die Preise, die ich für meine Miete bezahlen muss?
Wenn ich neben der Ausbildung / dem Studium anfangen muss, zu arbeiten, gibt es Möglichkeiten, das meiste aus diesem Geld zu machen? Wie sieht das Rentensystem aus? Muss ich auf ein residuales Einkommen bauen? Welchen Anteil meines Gehalts richte ich als Steuern aus? Wofür werden sie eingesetzt?
Und nehmen wir an, ich habe meinen Abschluss – werde ich einen Arbeitsplatz finden? Habe ich als Frau dieselben Chancen als als Mann? Hab ich als Mitglied einer religiösen/kulturellen Minderheit dieselben Chancen wie ein Mitglied der Mehrheit? Ist die Bezahlung gleich? Werden die Frauenquoten erfüllt? Gibt es Programme, die die Ursachen angehen und nicht nur die Symptome? Wenn ich keinen Job finde, besteht die Chance, durch Zuwendung des Staates (HartzIV, Weiterbildungsangebote?) Hilfe dabei zu erhalten, auf die eigenen Füße zu kommen und bis dahin ein würdevolles Leben zu führen?
Was, wenn ich in eine Beziehung gerate, in der ich misshandelt oder vergewaltigt werde? Gibt es Hilfe vom Staat, schützt das Justizsystem das Opfer? Wieso zahlt meine Krankenkasse die notwendige Behandlung nicht? Werde ich ein Kind meines Vergewaltigers abtreiben dürfen? Darf ich das Kind eines missglückten One-Night-Stands abtreiben? Unterstützt der Staat junge Familie, wenn ich beschließe, das Kind zu behalten?
Ich bin über achtzehn – kann ich fürs Militär eingezogen werden? Und wenn ja, mit welchen Ländern stehen wir im Krieg? In welche Konflikte greifen wir wie ein?
Steuern wir auf den nächsten Unfall in einem Atomkraftwerk hin? Oder warten wir nur darauf, dass unsere

- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Bildung und Forschung
- Ministerium des Auswärtigen Amts
- Ministerium für Finanzen
- Ministerium für Wirtschaft und Energie
- Ministerium für Verteidigung
- Ministerium für Gesundheit

Da dieser Blogeintrag schon jetzt viel zu lang ist, werde ich an dieser Stelle aufhören. Ich denke, mein Punkt ist deutlich geworden.
Politik ist überall.
Politik bestimmt alles.
Ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Niemand von uns ist unpolitisch, denn niemand von uns existiert in einem Vakuum. Unser Zusammenleben wird durch die Politik geregelt. Diese Aufgabe in blindem Vertrauen aus den Händen zu geben, hat sich in allen Fällen als untragbar heraus gestellt.
Es obliegt uns, mitzugestalten. Es obliegt uns, darauf zu pochen, dass die Politik den Menschen dient und nicht etwa der Wirtschaft. Es obliegt uns, Forderungen zu stellen und ‚falsche’ Ideen entschieden zurückzuweisen.

Derzeit gibt es folgende Ministerien. Sie haben allesamt Webadressen, auf denen sie sich und die Bereiche unseres Lebens vorstellen, die sie beeinflussen. Im Folgenden sind sie verlinkt:


Denn es gilt: Unwissenheit schützt vor Betroffenheit nicht.
In diesem Sinne, auf ein entschieden politisches Zusammenleben,

deine Kira
Post Comment
Kommentar veröffentlichen