[SCHREIBEN] Ableismus, Sexismus, Klassismus und Rassismus in Büchern - wie gehe ich als Schreibende*r an dieses Thema heran?

Sonntag, 29. Oktober 2017
Ich bin weiß, cis-gender und hetero. Privilegiert, ja, ohne, dass ich was dafür kann, aber vor allem unverdient. Ich bin geboren worden und war privilegiert. Ich habe nichts besonderes geleistet und trotzdem gehöre ich zur von der Gesellschaft stigmatisierten Norm.

Es gibt viele großartige Artikel zu den in der Überschrift angesprochenen Themen (bei Schreibwahnsinn erschien eine kleine Reihe mit drei Artikeln zu dem Thema, beziehungsweise Themen, die damit verwandt sind: (Klick!) (Klick!) (Klick!). Ein weiterer Artikel zum Kritischen Lesen erschien auf Elifs Blog. Weitere Anlaufstellen, um sich über Themen wie Klassismus, Rassismus, Sexismus und Ableismus zu belesen, sind unter anderem EveryDayFeminism und The body is not an apology.

Ich bin selber Autorin, schreibe an meinen eigenen Büchern und bin so jederzeit an Wort und Schrift gebunden, um das, was ich erzählen will, auch erzählen zu können. Ich hab mich mit Themen wie Klassismus, Sexismus, Rassismus und Ableismus nie so sehr auseinandergesetzt wie derzeit. So viele Begriffe, die andere diskriminieren, sind mittlerweile in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen, dass sie nicht mehr geahndet werden. Manchmal, und das ist wesentlich erschreckender, werden sie nicht mal bemerkt. Beispiele für alltägliche ableistische Bemerkungen kann man gleich auf der Startseite von Leidmedien finden: wie es zB. von jemandem, der im Rollstuhl sitzt, erlebt wird, wenn ein anderer sagt, dieser Mensch wäre „an den Rollstuhl gefesselt“.

Aber wie gehe ich als Autorin, die dem nie begegnet ist außer in Erzählungen und Niederschreibungen anderer, damit um?

Meine Figuren sollten divers sein, ja. Verschiedenen ethnischen Gruppen angehören, unterschiedlichen Religionen oder keinen. Able-bodied ist kein Kriterium, um in meiner Geschichte vorzukommen, ebenso wenig wie die sexuelle Orientierung oder soziale Herkunft.

Aber: Ich weiß nicht, ob ich als hetero Weiße unbedingt etwas über Homophobie oder Rassismus schreiben sollte. Reicht Empathie? Darüber kann man sich streiten. Diese Themengebiete sind besonders Own-Voices vorbehalten. Ich bin nicht dagegen, dass man die Themen anreißt, wenn man beispielsweise eine*n schwarze*n oder homosexuell*e Held*in hat, aber ich genieße das mit großer Vorsicht. Am Ende kann jeder schreiben, was er will, aber hier gilt: Recherche. Alles, was wir niederschreiben, alle Behauptungen, die wir aufstellen, machen wir nicht zB. über einen Beruf, wo Fehler zu verkraften sind, auch wenn es unglücklich ist. Wir sprechen über Menschen in Communitys, die diskriminiert werden. Die brauchen wirklich keine Privilegierten, die noch falsche Aussagen über sie machen, aber zeitgleich der Meinung sind, sie könnten ihnen damit helfen. Aus meiner persönlichen Sicht braucht kein Mensch noch ein Buch einer weißen Person, die aus ihrer Sicht Rassismus beschreibt und andere über Rassismus aufklärt.

Aus der Sicht einer nicht der stigmatisiertn Norm angehörenden Person zu schreiben, beispielsweise einer Person, die nicht hetero ist, heißt: Ich muss alles tun, was ich kann: in Foren lesen, auf Internetplattformen, Websites, Own-Voice-Bücher. Mit Menschen sprechen, die nicht heterosexuell sind und nach sensitive-Readern suchen. Aber auch: Kritiken von Menschen, die selbst betroffen und falsch dargestellt sind, ernst nehmen. Sehr, sehr wichtig!

Allerdings geht es nicht nur um Themen. Es geht auch um Sprache. Diskriminierende Sprache ist für viele kaum noch sichtbar (besonders frequent im Usus sind Worte wie „dumm“ und „verrückt“), an anderen Stellen kommen dann Argumente wie: Menschen reden nun mal so! Bezogen auf Worte wie: „Das ist ja behindert!“ oder „Das sieht voll schwul aus!“ oder „Du siehst aus wie ein Penner!“

Kann ich nicht widersprechen. Ja, es ist leider wahr, Leute reden so. So zu tun, als würden Menschen das nicht tun, indem man Bemerkungen wie diese in Büchern einfach außen vorlässt, ist eine Möglichkeit. Dann ergeben sich Fragen nach der Authentizität: Wenn meine Figuren das Wort „dumm“ nicht mehr verwenden dürfen oder sich gegenseitig nicht mehr „Idiot“ oder „Spast“ nennen können, „dabei macht das doch praktisch jeder“, wie glaubwürdig ist es dann noch?

Wenn man damit etwas zur Figurenzeichnung beitragen will, soll man das tun. Man sollte nur aufpassen, wie man das tut. Es reicht nicht, es nicht so zu meinen, wenn wir andere damit verletzen. Es reicht auch nicht zu sagen: Das hab ich doch gar nicht gemeint! Unwissen schützt vor Strafe nicht. Wenn jemand uns beleidigt und anschließend sagt: Hab ich doch gar nicht so gemeint, nun hab dich mal nicht so, dann sind wir trotzdem traurig. Dann sind wir trotzdem beleidigt. Wir wollen mit unseren Texten jemanden erreichen und wir wollen niemandem schaden. Dann sollten wir auch erkennen, dass Sprache unser Werkzeug ist und wir unser Werkzeug zum richtigen Zweck gebrauchen sollten.

Beispielsweise schreibe ich selbst eine sexistische Figur, die sich über Frauen lustig macht, feministen-feindliche Kommentare ablässt, und sich ableistischer Sprache bedient. Für mich funktioniert das allerdings auch nur, weil die Figur für ihr Verhalten während der Geschichte geahndet und zur Ordnung gerufen wird. Bemerkungen werden kommentiert, thematisiert und problematisiert.

Die Figur ist weiß und männlich und damit gesellschaftlich privilegiert. Ich bin selber oft mit anti-feministischen Bemerkungen konfrontiert und kriege so die Möglichkeit, über ein Thema zu sprechen, das mich selbst betrifft. Andersherum schlüpfe ich auch, beispielsweise, als privilegierte Personen gegenüber Menschen mit Beschränkungen, in die Position desjenigen, der einen anderen für seine abnorm beschissenen Kommentare kritisieren muss. Das ist für mich auch die Rolle, die ich in meinem Alltag habe: Ich kann nichts tun, als über das Thema zu sprechen, andere darauf aufmerksam zu machen, das Thema anzusprechen und sie notfalls zu korrigieren.

Am Ende kann ich keinem vorschreiben, wie er irgendwas zu machen hat. Divers schreiben zu wollen ist der erste richtige Grundsatz, denke ich. Bücher bilden die Gesellschaft ab und sind wir mal ehrlich – unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus weißen Menschen, die zufrieden mit ihrem angeborenen Geschlecht sind und auf das andere Geschlecht stehen, nebenbei kerngesund sind und alle stets schick gekleidet und gut gebildet durch die Gegend wandern . Und wenn wir Menschen lieben, sollten wir nicht vergessen, Liebe zu zeigen. Liebe fängt damit an, gut zu jemandem zu sein. Lasst mal alle gut zueinander sein, in jedweder Art und Weise.


• Alisha
Kommentare on "[SCHREIBEN] Ableismus, Sexismus, Klassismus und Rassismus in Büchern - wie gehe ich als Schreibende*r an dieses Thema heran?"
  1. Vielen lieben Dank für die Erwähnung. Den Artikel finde ich sehr gelungen! Insbesondere der Schluss beschreibt extrem gut, worum es auch mir im Grunde immer geht: gut zueinander zu sein. Und dabei eben ganz besonders auf Marginalisierungen zu achten. Ich finde es großartig, dass es Autor_innen wie dich/euch gibt. <3

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    1. Ah, wie lieb von dir! Vielen Dank, das freut uns sehr zu hören und Ali natürlich am allermeisten von uns. ♥
      Alles Liebe, Kira

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