[GESELLSCHAFT] Du bist ja sowasvon Mainstream!

Sonntag, 22. Oktober 2017

Wie geht es euch bei dieser Anschuldigung? Denkt ihr sofort: Was? Nein – Ich bin nicht Mainstream. Ich bin nicht Mainstream, weil ich auf der Straße keine Leggins mit Airs anziehe. Weil ich keine Pop-Musik höre. Und Twilight fand ich ja schon scheiße, als es noch alle toll fanden. Partys find ich blöd – Das machen doch nur irgendwelche Leute, die dem Gruppenzwang erliegen.

Ich bin überhaupt nicht Mainstream.

Fassen wir uns alle mal an die Nase, denn ich glaube, das könnte jedem schon mal passiert sein: Eine Gruppe von Menschen tut irgendetwas, sie mag irgendetwas und es ist super im Trend.
Also bin ich (der Mensch) erstmal skeptisch oder find's scheiße. Oder sag zumindest, dass ich mich erstmal gar nicht dafür interessiere.
Mainstream halt. Keiner will dazu gehören, aber irgendwie kommt er zustande.

Was ist denn überhaupt „Mainstream“? Da hab ich mir mal erlaubt, im Duden-Online nachzuschauen. Kurz zur Übersetzung: Mainstream stammt aus dem Englischen und ist mit Main – Haupt und Stream – Strömung zu übersetzen. Gut Deutsch: Hauptströmung.
Dazu teilt uns Duden in Bedeutung zwei folgende Bedeutung mit:

(oft abwertend) vorherrschende gesellschaftspolitische, kulturelle o. ä. Richtung“. Ich kann's auch nochmal klar und so sagen, wie es für alle klingt: Mainstream ist, was alle mögen.

Aber was ist eigentlich so schlimm daran, „voll Mainstream zu sein“?

Ich hab es selbst schon tausend Mal zu hören bekommen: Ich hör Popmusik. Ich mag Popmusik, auch wenn sie Mainstream ist. Ich mochte Twilight früher auch (inzwischen bin ich der Phase entwachsen, das stimmt auch) und ich bin halt sonst auch nicht so fancy und speziell, wie man das erwarten kann. Aber sollen wir uns jetzt davon angegriffen fühlen, „Mainstream“ zu sein? Soll das jetzt ernsthaft eine Beleidigung sein?

Für viele ist es das. Denn Mainstream heißt übersetzt: Du magst, was jeder mag. Du magst es nur, weil jeder es mag. Du magst es, weil du halt oberöde und stinknormal und gar nicht fancy, crazy, scharfsinnig, zuende gedacht bist. Du hast gar keine eigene Meinung, sondern gehst mit dem Trend. Style? PAH. So läuft doch jeder rum. Du bist ja sowasvon langweilig. Du magst nichts Spezielles. Du bist austauschbar mit deinen anderen Mainstream-Mitmachern, weil ihr halt sowieso alle gleich seid.

Na, wie klingt das? Das ist, was ich höre, wenn mir jemand sagt, ich sei „Mainstream“. Denn welch andere Bedeutung soll es haben, wenn es jemand gegen dich verwendet?

Eigentlich heißt es ja nur: 
Du magst, was viele mögen. 

Aber es wird zu einer Beleidigung gemacht.

Wisst ihr, was beleidigend ist? Leuten sowas damit zu vermitteln. Denn scheiß drauf, ob ihr all diese „Mainstream“-Sachen mögt. Wenn ihr sie mögt, geht’s die Leute nichts an, ob es noch andere tragen. Stellt euch mal vor, wie viele Leute den gleichen Pulli wie ihr gekauft haben. Wie viele Leute berühmten Pop-Songs hören und super finden. Leggins anziehen mit Airs, einfach weil sie's schick finden.

So entsteht Mainstream: Dadurch, dass Leute was cool finden. Schick. Irgendwie so rumlaufen wollen. Musik hören, die sie mögen. Bücher lesen, die sie super finden. Und offenbar sind das SEHR, SEHR viele Menschen und deswegen ist das Mainstream.

Wisst ihr, was auch beleidigend ist?

So zu tun, als ob man Dinge nicht mag, nur um anders zu sein. Ich sage jetzt betont „so zu tun“, denn es ist super in Ordnung, wenn jemand nichts von den Dingen oder anderen „Mainstream-Sachen“ mag, die ich genannt hab. Aber wir kennen sie alle diese Leute, die jedem erzählen: Also das lese ich nicht, das ist ja total Mainstream. Das lesen doch nur verblödete Leute. Oder:
Popmusik ist sowasvon scheiße. Das ist nur irgendwelches Mainstream-Zeug und alles klingt sowieso gleich. Oder wenn Frauen in Airs und Leggins MAINSTREAM TUSSEN hinterher gerufen wird. A) Haben wir Menschen echt nichts anderes zu tun, als uns eine Meinung über den Geschmack anderer zu bilden? Ich kann über meine eigene Sicht der Dinge reden und meine Meinung anpreisen, aber holy Shit, einfach mal Maul halten, wenn ich über andere urteile. Guckt erstmal in den Spiegel. B) Ihr beleidigt euch selbst, wenn ihr Dinge verpasst/verurteilt/verachtet, NUR weil ihr anders sein wollt. Alles tut, um NUR nicht zum Mainstream zu gehören.

Wenn ihr euch eigenständig eine Meinung gebildet habt – Dann ist es okay zu sagen: Hey, das ist nicht so meins.

Und dann ist es cool. Jeder kann mögen, was er mag, unabhängig davon, wie viele Leute es mögen. Hauptsache, man hat 'ne Meinung.

Natürlich gibt es Leute, die beim Mainstream nur Mitläufer sind. Machen, was andere machen. Mögen, was andere mögen, um dazu zu gehören.

Aber ich sag euch was: Der Anti-Mainstream hat ebenso seine Mitläufer.

Wisst ihr, was ich am Mainstream übrigens super finde? Dass wenn ich ein Buch super finde oder ein Lied oder eine Kleidungsart – Ich kann mich mit anderen super drüber unterhalten. Und mit so vielen Menschen. Das ist Wahnsinn.
Ist es nicht toll, wie uns Dinge einen können, ohne uns gleich zu machen?

Denn selbst wenn ich und meine Nachbarin heute den gleichen Song hören, das gleiche Buch lesen und die gleiche Kleidung tragen – und alles davon mega finden – bin ich immer noch ich und sie immer noch sie.

Wir mögen die gleichen Dinge, ohne dabei unsere Persönlichkeit aufzugeben. 

Also lasst uns mal alle eine eigene Meinung haben. Vielleicht ist die genauso oder ähnlich wie die von vielen anderen. Vielleicht ist die total anders. Vielleicht sollte mir scheißegal sein, wie viele Leute meiner Meinung sind und's so machen wie ich.

In meinem Leben geht’s schließlich um mich und keinen anderen.


• Laura
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