[ALLTAG] Gender Mainstreaming von kleinauf.

Sonntag, 8. Oktober 2017
Im Rahmen meines Gender-Diversity-Gender-Mainstreaming-Seminars habe ich ein Essay geschrieben: Ich habe mich an einem Thema bedient, das wir im Seminar schon mal angeschnitten haben. Ich studiere selber Deutsche Philologie und Allgemeine Und Vergleichende Literaturwissenschaft und bin damit keine Erziehungswissenschaftlerin. Das Essay bezieht sich vor auf die Studie von Kaltvedt und Meland.


Gefunden auf: tollabea.de
Gender Mainstreaming wurde erstmals 1997 im Amsterdamer Vertrag für alle EU-Länder verbindlich als Richtlinie festgelegt (bpb). Darunter ist zu verstehen, dass alle Entscheidungen, ob politisch oder institutionell, davon abhängig gemacht werden, dass sie alle Geschlechter gleichberechtigt betrifft und für keines ein Nachteil entsteht, oder es ein anderes privilegiert.

Die Förderung der Gleichberechtigung institutionell gesagt, heißt auch, dass es ebenso in den Erziehungs- und Bildungsbereich erstreckt, wo es frühstmöglich unterstützt werden soll (genderloops 2008).1 Hingegen einiger Stimmen, dass es sich hierbei um die Auflösung von Geschlechtern handle (kopp-Verlag), geht es in der Bildung viel mehr um die Aufklärung von Gender und Geschlechterrollen, um die stereotypische Muster aufzusprengen und jedes Kind, von kleinauf, individuell bei seinen Stärken fördern zu können und jedes gleich zu behandeln.

Derzeitiger Stand, mit dem ich an dieses Essay gehe, ist, dass Jungen in der Schule häufiger schlecht abschneiden (Küppers 2007), im Schnitt schlechtere Noten haben und seltener das Abitur machen. Dem gegenüberstehend sind Frauen, trotz des Durchschnitts von besseren Schulnoten, seltener in Führungspostionen2 (zum Beispiel Ø16% bei DAX, MDAX, SDAX, Tec-DAX-Unternehmen) (FidAR 2013).

Umgesetztes Gender Mainstreaming im Kindergarten ist in fünf Phasen aufgeteilt: „Festlegung von Grobzielen, Analyse und Beobachtung, Planung und Festlegung detaillierter Gleichstellungsziele, konkrete Umsetzung und Evaluierung“3. Je nach Festlegung der Ziele, die man erreichen will, plädieren alle Ziele für Gender-Bewusstsein, Geschlechtergerechtigkeit- und Gleichstellung. Somit werden beide Geschlechter gleich gut unterstützt und haben die gleichen Chancen, Stärken zu erkennen, auszubilden und auszubauen und das so früh wie möglich.

Um Gleichbehandlung und gleiche Förderung zu gewährleisten, gehört beispielsweise zu den Grobzielen, dass die Trennung von Jungen und Mädchen im Kindergarten verschiedenartig aufgehoben werden kann und soll: Beispielsweise die Aufhebung der Trennung von Spielräumen. Das kann sich allein auf Räumliches beziehen als auch auf mediengeprägte Stereotypisierung (wie: rosafarbende Puppenecke, Bauecke für Jungen in Blau)4. Hierbei ist besonders das Bewusstsein von Erziehern und weiteren Angestellten einer Kindertagesstätte von Nöten.

Wie manifestiert Stereotypen von Gender in Kindergärten allerdings noch sind, zeigte jüngst eine Studie von Kaltvedt und Meland, namentlich „Tracking gender in kindergarten“ (2017). Durchgeführt wurden sie von vierzig Studenten in zwanzig verschiedenen Kindergärten Norwegens. Norwegens Bildungseinrichtungen (genau wie Deutschlands) sind dazu verpflichtet, Kinder und Jugendliche von ihrem Geschlecht unabhängig gleich zu behandeln und sich nicht an Stereotypen zu orientieren5. In Kindergärten im Einzelnen heißt das, dass allen Kindern erlaubt ist, an allen Aktivitäten teilzunehmen, dass sie die gleiche Aufmerksamkeit erhalten ebenso wie die gleiche Förderung und Hilfestellung, falls notwendig.

Die Notizen, die die Studenten machten, wurden von Meland und Kaltvedt in die Kategorien Aussehen (appearance), Pflege/Sorgsamkeit (care), Aufmerksamkeit (attention) und Beobachtungen dazu, wo typische Gender-Stereotypen aufgebrochen worden sind (observations of where gender boundaries are pushed), 6 untergliedert.

Das Ergebnis der Studie war, dass Jungen und Mädchen, obwohl gesetzlich so vorgegeben, nicht gleich behandelt werden.

Aussehen bei Jungen bezog sich auf ihren Körperbau und ihrer physischen Stärke („Aren't you strong?“ oder „You're a big boy now: You can climb onto the chair yourself.“7), während Mädchen objektiviert little princess8 oder aber für ihre Frisur gelobt wurden und darauf beschränkt. Wenn ein Mädchen keine leuchtende Kleidung trug und/oder Hosen, wurde das von Angestellten des Kindergartens sofort gemerkt, untereinander als problematisch thematisiert und als Jungenkleidung kategorisiert.9

Sexualisierung findet bereits bei Kindern statt. Die gleiche Kleidung, die ein Junge trägt, kommt von einem Mädchen getragen bei den Erziehern nicht gut an10; außerdem werden Jungen auf ihre physischen Fähigkeiten beschränkt und dazu angehalten, diese weiter auszubauen, Mädchen in ihrer Schönheit bestätigt, darauf reduziert und darin ermutigt, wenn die Kleidung auffällig geschlechterstereotypisch erscheint.

Zu Pflege und Sorgsamkeit sind beide Geschlechter aufgerufen. Bei der Bitte, den Tisch zu decken, meldeten sich überwiegend Mädchen, die für ihre Ordnung und Hilfsbereitschaft besonders gelobt wurden und darin bestärkt worden sind.

Der Aspekt, dass beide Geschlechter dazu ermutigt werden, an Hausarbeit (hier: Tisch-Decken) teilzunehmen, fehlt hier auffällig. An dem sozialen Aspekt, der bei Mädchen, die helfen, unterstützt wird, mangelt es bei den Jungen, die dadurch die Identifikation mit Hausarbeit verpassen können. Die Förderung von Zusammenarbeit und der Verantwortung, die ein Kleinkind hat, wenn es beim Tischdecken eine Aufgabe zugeteilt bekommt, ist für beide Geschlechter von gleich wichtiger Bedeutung.

Die Aufmerksamkeit für Jungen und Mädchen ist nicht gleich verteilt. Ein Mädchen (Line) erzählt, wie sie ihre Großmutter besucht hat. Ein Junge (Jonas) erwidert darauf, dass seine Großmutter am Wochenende auf ihn aufpassen wird. Die Erzieherin erkundigt sich bei Jonas, was er dann mit ihr machen wird. Auf einen weiteren Versuch von Line, das Gespräch in ihre Richtung zu lenken, reagiert sie nur mit Blickkontakt, aber spricht stattdessen mit Jonas weiter.11
Ähnlich beschrieben ist eine Situation, in der ein anderes Mädchen (Kari) gemeinsam mit einer der zwei sich unterhaltenden Erzieherinnen (Mia und Sandra) ein Puzzle machen möchte. Allerdings wird sie erst ignoriert und dann abgewiesen. Man sagt ihr, dass sie doch sehe, dass die beiden gerade etwas zu tun haben. Kurz danach geht die selbe Erzieherin allerdings zu einem Jungen (Rune), der ebenso puzzelt, und hilft diesem dabei.12

Hierbei werfen sich fatale Unterschiede auf, die in beide Richtungen auf die frühkindliche Entwicklung einen ernsthaften Einfluss haben können und zusätzlich die Kinder bereits sehr schnell mit ihren gender-stereotypischen Rollen in Kontakt bringen.

In beiden beschriebenen Situationen erhalten die Jungen mehr Aufmerksamkeit als die Mädchen: Der Besuch bei der Großmutter und ihr Erlebnis dabei, das sie mit einem Hund gemacht hat, ist unerheblich, während Jonas' Geschichte im Vordergrund steht. Line wird impliziert, dass das, was sie zu erzählen hat, nicht so wichtig ist wie das, was Jonas berichtet hat.
In der zweiten Gegebenheit wird Kari Hilfe versagt. Rune, der genau das Gleiche möchte wie sie, wird sie allerdings gegeben. Kari lernt hieraus, dass ihre Frage nach Hilfe entweder nicht gehört wird oder dass sie ihr Problem allein lösen muss. Naheliegend ist für sie, beim nächsten Mal nicht nach Hilfe zu fragen. Rune nimmt aus der Situation mit, dass man auf ihn sofort reagiert und ihm auch sofort geholfen wird, bevor man ihn zur Selbstständigkeit auffordert. Mädchen und Jungen erhalten hierbei, und das ist offensichtlich, nicht die gleiche Aufmerksamkeit und nehmen beide etwas anderes aus dieser Situation mit. Das Lernpotential, das eigentlich gleich sein sollte, ist unterschiedlich und kann sich nachfolgend, wenn auch in weiteren Bildungseinrichtungen und zu Hause umgesetzt, auf das weitere Leben übertragen.

Die stereotypischen Geschlechterrollen sind von den Kindern teils auch aufgebrochen worden. Beispielhaft: Mädchen und Jungen tanzen zusammen. Mädchen und Jungen spielen draußen zusammen und rufen alle beide „Ich bin Batman!“ („I'm Batman!“13)
Hierbei doch das Wichtigste und vielleicht sogar Problematischste: Das Überschreiten stereotypischen Geschlechterverhaltens wurde nicht genug durch Erzieher unterstützt und vor allen Dingen nicht gleich gewertet und gleich behandelt.

Als die Jungen und die Mädchen zusammen tanzten, wurden nur die Jungen dafür gelobt, die Mädchen hingegen dazu aufgefordert, diese ebenfalls dafür zu loben. Das Mädchen, dass ebenso schrie wie alle Jungen beim Spielen draußen und die ebenfalls Batman sein wollte, wurde von der Gruppe entfernt und durfte nicht mehr mitspielen, weil sie zu laut gewesen ist.

Die Werte, die den Kindern mitgegeben werden, sind: Was du (als Mädchen) machst, ist schön, aber wenn es ein Junge macht, ist es schöner. Wenn du etwas Jungenhaftes (als Mädchen) machst, wirst du dafür bestraft. Du darfst (als Mädchen) nicht genauso laut sein wie Jungen.

Die Ergebnisse zusammengefasst ergeben ein Bild von Ungleichheit, das so gar nicht mehr da sein sollte. Hierbei auffällig ist vor allem, dass es nicht von den Kindern untereinander, sondern von den Erziehern ausgelöst wird: Die Kinder untereinander tanzen und spielen zusammen, doch werden von Erziehern bewusst durch das Verhalten dieser gegenüber Jungen und Mädchen voneinander getrennt. Das zeugt größtenteils von unaufgeklärtem, wenn man nicht sogar sagen will, unreflektiertem Verhalten der Kindergärtner*innen. Eine Kindertagesstätte gilt als Bildungseinrichtung und wenn man, in der Theorie und zur Vereinfachung der Aussage, davon ausginge, dass dies auch in Schulen so praktiziert wird, dann werden Unterschiede und Ungleichheiten vertieft oder bleiben weiterhin bestehen.

Das Ergebnis der Studie auf die am Anfang genannten Fakten übertragen zeigt, dass es, wenn Gender Mainstreaming nicht frühstmöglich (hier Kindergarten, aber gilt auch bei Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen) umgesetzt wird, unwahrscheinlich bis unmöglich ist, dass sich etwas ändern wird.

Die eigene Vorstellung von Gender und Erwartungen an das eigene Geschlecht fängt, bevor es überhaupt auf Kinder durch Erziehung übertragen werden darf, bei den Kindergärtner*innen an. Wenn diese nicht geschult genug oder über ihr eigenes Bild von Geschlecht und Stereotypen reflektiert sind, wird sich die frühkindliche Bildung nicht verbessern. Kinder wissen im Alter von drei bis fünf Jahren (das Alter der Kinder in der Studie) nicht mehr als ihre Einflüsse.
Wenn Mädchen von kleinauf lernen, dass sie hilfsbereit und hübsch sein müssen, sie allerdings nicht gehört werden und nicht genauso laut sein dürfen wie Jungen, dann ist es nicht wahrscheinlich, dass die Anzahl von Frauen in Führungspostionen weiter ansteigen wird.
Männer in sozialen Berufen werden weiter fehlen. Gender Mainstreaming im Kindergarten umgesetzt würde bedeuten, dass Jungen ebenso mit Pflegeaufgaben vertraut gemacht werden wie Mädchen – sie werden genauso darin bestärkt zu helfen, sich um etwas zu sorgen und Verantwortung für andere zu übernehmen wie alle andere. Begabungen und Neigungen in sozialer Richtung, auch bei Jungen, werden früher entdeckt und können besser gefördert werden. Davon ausgehend, dass dies so geschehen würde, ist es durchaus denkbar, auch eine Verknüpfung mit Schulleistungen zu bringen: Jungen fehlen im Kindergarten, allerdings auch häufig in Schulen, Vorbilder, da es sich dort überwiegend um Lehrerinnen handelt.14

Der Schritt Richtung Gleichbehandlung und zur ausgeglichenen Waage in Berufen könnte schon früher unterstützt werden.

Klar ist hierbei natürlich, dass der Schritt nicht ausschließlich in Kindergärten gemacht werden kann: Wie immer wieder angeschnitten durchlaufen Männer und Frauen mehrere Einrichtungen, die den Charakter formen, und unterliegen unterschiedlichsten Einflüssen. Das beste durchgeführte Gender Mainstreaming in einer KiTa nützt nichts, wenn in der Schule ein anderes Klima herrscht. Neben den Bildungsstätten spielt von allen Dingen die Erziehung der Eltern eine wichtige Rolle, die genderneutral verlaufen müsste, damit das Konzept so funktioniert. Ebenso spielen die Medien als ein nicht außer Acht zu lassender Faktor mehr und mehr in das Aufwachsen von Kindern hinein und sind dabei auch nicht wegzudenken. Wie bekannt ist, ist Stereotypisierung dort überwiegend auch noch Standard, beispielsweise durch die Trennung rosa-blau bei Mädchen und Jungen.

Gleichzeitig ist absolut sicher, dass es sich vor allen Dingen um das Wohlbefinden und die Individualisierung des einzelnen Kindes handelt: Jedes Kind muss seine eigenen Interessen entwickeln. Ziel des Gender Mainstreaming sollte und darf es nicht sein, Geschlechterrollen umzupolen und umzukehren. Es ist ebenso nichts falsch daran, einen Jungen mit einer Puppe spielen zu lassen wie ein Mädchen. Ebenso sollte auch nichts Falsches daran sein, möchte ein Mädchen Batman sein oder eben ein Junge. Gender Mainstreaming soll für Gleichheit sorgen und das heißt Gleichbehandlung.





- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Fußnoten
1 Genderloops. S.34
2 FidAR. S.15
3 Genderloops. S.34
4 Ebd.
5 Meland, Kaltvedt. S.1
6 Ebd. S.4ff
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Ebd.S. 5
10 Ebd. Vgl. „A four-year-old girl in kindergarten had short hair and wore dark colours. This girl was frequently discussed because she was dressed in boys’ clothes whether she was indoors or outdoors. [...] One day, this particular girl was wearing a pink dress [...], and the staff praised her all the time because she was such a lovely girl and because she had such a lovely dress on.“
11 Ebd.
12 Meland, Kaltvedt: S.6
13 Meland, Kaltvedt. S.6
14 Baar. S. 235

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Quellen

  • Baar, Robert: Männlichkeitskonstruktionen von Grundschullehrern und Auswirkung auf deren berufliche Handlungspraxis. In: Erziehung, Bildung und Geschlecht. Wiesbaden. 2012. S.235-253.
  • FidAR
    https://www.fidar.de/webmedia/documents/wob-index/130331_Studie_WoB-Index_XI_end.pdf
    [zuletzt aufgerufen am 11. September 2017, 14:50 Uhr]
  • Kaltved, Meland: Tracking gender in kindergarten. In: Early Child Developement And Care. https://dx.doi.org/10.1080/03004430.2017.1302945
[zuletzt aufgerufen am 01. September 2017, 13:01 Uhr]
  • Küppers, Horst: Ein längst überfälliger Ansatz zur Geschlechtergerechtigkeit. https://www.oldenbourg-klick.de/zeitschriften/kleingross/2007-11/gender-im-kindergarten
[zuletzt aufgerufen am 01. September 2017, 10:15 Uhr]

  • Abril, Paco; Cremers, Michael; Duncan, Norman; Golubevaite, Loreta und weitere: Gender Loops. Praxisbuch für eine geschlechterbewusste und –gerechte Kindertageseinrichtung. Hrsg. Cremers, Michael, Krabel, Jens. Berlin. 2008.
  • Gender Mainstreaming https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/gender-mainstreaming/
[zuletzt aufgerufen am 11. September 2017, 19:33 Uhr]

  • kopp-Verlag https://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/gender-in-der-kita-wie-kleinkinder-umprogrammiert.html
    [zuletzt aufgerufen am 11. September 2017, 20:00 Uhr]
Post Comment
Kommentar veröffentlichen