[BUCHREZENSION] Little Bee von Chris Cleave

Sonntag, 15. Oktober 2017

Trigger Warnung:
In der folgenden Rezension wird knapp – im besprochenen Buch ausführlich und konkret – über Suizid, Vergewaltigung, Misshandlung und Rassismus gesprochen.

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Buch: Little Bee
Autor*in: Chris Cleave
Verlag: dtv (Deutscher Taschenbuch Verlag)
Seitenzahl: 317 Seiten
Preis: 9,95€
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Inhalt:

Manchmal wünscht sie sich, sie wäre eine englische Pfundmünze: dann würde sich nämlich jeder freuen, sie zu sehen. Little Bee ist 16 Jahre alt und stammt aus Afrika. In ihrer Heimat ist ihr Schreckliches zugestoßen, seit zwei Jahren lebt sie in einem englischen Abschiedelager für Asylbewerber, doch trotz allem ist sie ein Mensch voll Lebensfreude, Witz und Intelligenz. Vor Jahren hat sie in Nigeria das Ehepaar Sarah und Andrew, die im englischen Kingston-upon-Thames ein privilegiertes Leben führen, kennengelernt. Ein furchtbares gemeinsames Erlebnis hat eine tragische Verbindung zwischen ihnen geschaffen. Als Little Bee aus dem Lager entlassen wird, ruft sie bei Sarah und Andrew an. Einige Tage später bringt sich Andrew um. Und kurz darauf steht Little Bee vor Sarahs Tür...



Das Buch wirbt damit, zwei Geschichten zu erzählen. Die von Little Bee, die ohne Papiere aus dem Asylantenheim entlassen wird, und die von Sarah, deren Mann sich umgebracht hat, nachdem Little Bee bei ihm angerufen hat, ohne ihr davon zu berichten, dass Little Bee auf dem Weg zu ihnen ist und die dann damit umgehen muss, just am Tag der Beerdigung ihres Mannes.

Und tatsächlich gelingt dem Autoren mit der Konzeption seines Romans genau das: er erzählt zwei Geschichten, die unmittelbar miteinander zusammen hängen, eine Weile lang parallel verlaufen, aber nicht bloß zwei Seiten derselben Münze sind. Das zeigt sich in den Erzählstimmen, die sich beide an den Leser richten und doch so unterschiedlich sind. Während Little Bees Geschichte immer wieder damit kollidiert, dass Begebenheiten in ihrer Heimat sich mit einer britischen Sprache nicht erklären lassen und britische Begebenheiten keinen Sinn ergäben, würde sie versuchen, den Mädchen zuhause davon zu erzählen, ist Sarahs Stimme von einer solchen Selbstverständlichkeit unterlegt, weil sie Kontexte referiert, die für mich als Leserin bestens bekannt sind, dass gerade die Befremdlichkeit der Situation, in der sie steckt / gesteckt wird, in ein ganz besonders Licht gerückt wird. Aufgrund dieser Fähigkeit muss Chris Cleave nicht einmal kennzeichnen, aus welcher Sicht das jeweilige Kapitel geschrieben ist, da zu keinem Zeitpunkt der geringste Zweifel besteht.

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»An den braunen Beinen des Mädchens waren viele kleine weiße Narben zu sehen. Ich überlegte, ob diese Narben wohl ihren ganzen Körper bedeckten, so wie die Sterne und Monde ihr Kleid. Das stellte ich mir hübsch vor, und ich bitte euch hier und jetzt um eure Zustimmung, dass eine Narbe niemals hässlich ist. Das wollen uns nur die Narbenmacher einreden. Aber ihr und ich, wir müssen uns zusammentun und ihnen trotzen. Wir müssen alle Narben als schön ansehen. Okay? Das ist unser Geheimnis. Den glaubt mir, wer stirbt, bekommt keine Narben. Eine Narbe bedeutet: „Ich habe überlebt.“«

[Little Bee, S. 17]

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Beeindruckender als diese gelungene Konzeption sind aber die Charaktere:
Little Bee als ein Mädchen, das ihrem Schicksal auf eine entsetzlich ergreifende Weise begegnet, mutig und selbstreflektiert, auf schmerzliche Weise offen – ohne dabei aber zu einer Feel-Good-Protagonistin zu werden, die zwar die schlimmste Vergangenheit hat, aber trotzdem noch lächeln kann, haha, nehmt das ihr bösen Männer! Ihre Reise, von Afrika nach England, in England zu Sarah, ist genau das – ihre Reise. Ihr Erleben, nicht eine Schablone für eine Aussage, mit der Leser am Ende beruhigt weiter leben kann.

Ihr gegenüber Sarah, eine Frau, der die innere Idealistin zu unbequem geworden ist, die sich eingerichtet hat in einem Leben, mit einem Mann, der spätestens nach jenem Sommer in Afrika nicht mehr derselbe ist, mit einem Sohn, der sein Batman-Kostüm schon einen ganzen Sommer lang nicht mehr auszieht, weil es leichter ist Batman zu sein als Charlie, mit einer Stelle als Chefredakteurin eines Magazins, das anders sein sollte und jetzt bloß noch ist, was die Leserschaft gerne hätte. Eine Frau, die erschüttert wird, so grundlegend, dass sie alles neu überdenken muss. Alles neu angehen. Auf alles andere Antworten finden.

Aber auch die Nebencharaktere können sich sehen lassen. Yvette, das Mädchen, das es Little Bee ermöglicht, aus dem Abschiebelager zu entkommen. Andrew, der als Sarahs Ehemann ein großes Feld von Schuld und Verantwortung aufmacht. Charlie, der mit seiner Kindlichkeit alles auf eine Weise zu lösen, zu verbinden, zu heilen beginnt, die für die Welt der Erwachsenen zu simpel erscheint und deshalb alles schrecklich kompliziert macht. Auch Lawrence als Vertrauter von Sarah, der sich seiner Privilegien nicht berauben lassen will, um ein afrikanisches Mädchen zu retten, das in seinem Leben nichts zu suchen hat. Um nur einige zu nennen - in ihrer Ambivalenz sind sie alle ein Spiegel, der dem Leser vorgehalten wird, ohne dass sich der Blick hinein vermeiden lässt. So stehen wir in diesem Spannungsfeld? Wie würden wir reagieren?


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»In jenem Sommer, dem Sommer, in dem mein Mann starb, hatten wir alle eine Identität, von der wir uns ungern trennen wollten. Mein Sohn hatte sein Batmankostüm, ich benutzte noch den Namen meines Ehemanns, und obwohl Little Bee relativ sicher bei uns war, klammerte sie sich an den Namen, den sie in einer Zeit des Schreckens angenommen hatte. In jenem Sommer waren wir Exilanten, die vor der Realität geflohen waren. Wir flüchteten vor uns selbst.«

[Little Bee, S. 32]

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Die Geschichte selbst, der Stoff, der erzählt wird, diese Kollision von Leben ist unerträglich, erträglich gemacht von der Ästhetik, die die Form gewährt, in der sie uns präsentiert wird. Aber das nur gerade so.
Es ist ein Buch über das Allerhässlichste im Menschen. Über das, was Menschen einander antun, über den Preis, den sie dafür zahlen, und was sie zu tun bereit sind, um (das) zu überleben. Was sie zu tun bereit sind, wenn es nicht mehr das Schlimmste ist, nicht zu überleben. Auch über das, woran man festhält, wenn man gezwungen wurde, alles loszulassen.
Es ist außerdem ein Buch von Zusammenhalt und von Aktivismus, von Hoffnung, die Tatendrang nach sich zieht, von Möglichkeiten und Wegen und Chancen, um Privilegien in Potential zu verwandeln. Aber das vor einem Hintergrund, der zu keinem Punkt verschwiegen oder beschönigt wird. Jeder Schlag sitzt. Jedes Beben erschüttert grundlegend. Und der Bezug zum eigenen Leben ist nie zu übersehen.

Wo die Schilderungen von seinem eigenen Erlebnis (britisch, weiß, männlich) abweichen, merkt man der Geschichte die intensive Recherche an, die Chris Cleave betrieben hat (jedenfalls soweit ich das nachvollziehen kann). Im Nachwort gibt er außerdem etliche seiner Quellen an, etwas, das ich so zuvor noch nicht in Büchern gefunden / bemerkt hatte.

Abschließend sei gesagt:
Wer ein Feel-Good Roman erwartet, findet mit Little Bee nicht, was er sucht. Wer hingegen interessiert ist, an einem Plädoyer für Mitmenschlichkeit, dem ist dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt.

B E W E R T U N G


TIEFE: 5/5 Punkte
CHARAKTERE: 5/5 Punkte
KONZEPTION: 5/5 Punkte
GESAMT: 15/15 Punkten
Kaufempfehlung: Definitiv!


Alles aus Liebe, Kira
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