[BTW17] Und was jetzt? Über demokratische Verantwortung, Politik im Alltag und Kontaktformulare von Abgeordneten

Mittwoch, 11. Oktober 2017
Am Sonntagmorgen hatte ich einige Stimmen in der Twitter-Timeline, die sich freuten, dass der ganze Trubel um die Wahlen jetzt „endlich“ wieder vorbei sein würde.

Ich wusste sofort, worauf sie damit anspielen, fand es aber schon da enorm schade. Dass über Politik gesprochen wird, sollte meiner Meinung nach kein Phänomen sein, dass alle vier Jahre Konjunktur erhält und dann hinter dem nächsten Promiskandal in der Versenkung verschwindet. Aber gut, darüber hätte man reden können, diesbezüglich hätte man für Politik werben können. Und selbst wenn diese Stimmen sich aus dem Diskurs zurückgezogen hätten, wäre das zu verkraften gewesen. Traurig, aber zu verkraften. Das war Sonntagmorgen.

Und jetzt? Nach diesem Sonntagabend? Nach solchen Wahlergebnissen?
Finde ich solche Hoffnungen gefährlich.

Denn, nein, der Trubel um die Wahlen kann nicht enden.
Die Politisierung junger Menschen kann nicht enden.
Wir können jetzt nicht aufhören, über diese Themen zu sprechen.
Wir können uns nicht dran gewöhnen, dass die Ansichten der AfD, die Art und Weise, zu manipulieren, die Sprache der AfD, die Aggressionen der AfD, die Hetze ein Teil unserer politischen Landschaft sind.

Wir können uns das nicht leisten.

Und um es noch anders zu sagen: Wir müssen etwas tun. Wir müssen über Politik sprechen. Wir müssen Politik (aus-)üben. Und zwar vier Jahre lang. Und danach nochmal vier. Und nochmal vier. Und nochmal vier. Immer weiter. Immer noch vier mehr.

Wieso?

Weil das hier, dieser Tiefpunkt deutscher Politik seit vielen Jahren, unser Weckruf sein kann und muss. Die Zeit, in der wir uns zurücklehnen konnten, weil wir mit genug Privilegien geboren sind, um von deutscher Politik nicht direkt bedroht zu sein, ist vorbei. Es gibt viele, viele, viele Menschen in diesem Land, an denen wir uns schuldig gemacht haben, weil es uns vor der Wahl nicht gelungen ist, der AfD ihren erlogenen Alternativen-Status abzulaufen. Viele Menschen mit weniger Privilegien, aber genauso viel Würde und genauso viel Recht.

Und diese Schuld legt uns Verantwortung auf. Erinnert uns an unsere Pflichten. Wir mögen nicht beeinflusst, verursacht, verschuldet haben, was 1933 und in den darauffolgenden Jahren passiert ist. Aber was immer dieses Jahr und in den nächsten Jahren passieren wird, geht auf unsere Kappe.

Denn noch mal für alle: wir leben in einer Demokratie. Das heißt: Herrschaft des Volkes. Herrschaft durch uns für uns. Nicht für einige Eliten, nicht für Lobbyisten, nicht für Nazis. Für die ganze bunte, breite Vielfalt der Menschen, die sich in Deutschland aufhalten. Von der Familie, die vor Krieg und Zerstörung geflüchtet ist, über den Hartz-IV Empfänger, über das Kind im Rollstuhl, über das junge Mädchen mit Migrationshintergrund, über den bisexuellen Jungen, der sich nicht im binären Geschlechtersystem wiederfindet, über den Krankenpfleger, der nicht fair entlohnt wird, über die Frau, die keinen Arbeitsplatz findet, weil sie im „gebärfähigen“ Alter und eine Zumutung für den Arbeitgeber ist, über viele, viele, viele mehr, bis hin zu dem Rentner, dem das Geld zum Leben fehlt. Für uns alle also.

Deshalb haben wir Repräsentanten gewählt. Menschen, die unsere Stimmen hören, unsere Anliegen in Erfahrung bringen, unsere Bedürfnisse verstehen und für unsere Probleme Lösungen finden sollen. Menschen, die uns verpflichtet sind.

Wir haben ihnen einen Auftrag gegeben. Wir haben nicht unsere Macht abgegeben. Wir leben nicht in den nächsten vier Jahren in einer Aristokratie, in der wir nichts mehr zu melden haben und die da oben alles entscheiden.

Was also ist der Schluss, was machen wir jetzt, da wir uns (hoffentlich) einig sind, DASS wir etwas machen müssen?

Wir machen uns groß. Wir werden laut. Wir hören hin und reichen das Mikro weiter und beschützen diejenigen, die unseren Schutz, unsere Solidarität, unsere schusssichere Waffe aus Privilegien und unverschämten Glück jetzt brauchen.

Das geht im Alltag:

  • Indem wir bei Rassismus, Sexismus, Ableismus nicht mehr wegsehen. Ein Freund von euch benutzt „schwul“ immer noch als Beleidigung? Wird Zeit, die „Spaßbremse“ zu spielen und was zu sagen. In der Ubahn wird eine muslimische Frau angepöbelt, weil sie Kopftuch trägt? Nicht weggucken! Sagt etwas. Setzt euch dazu. Falls es zu gefährlich ist, solidarisiert euch mit anderen Mitfahrern und sagt dann was. Ruft die Polizei, wenn es sein muss. Steht dafür ein, dass Schulen barrierefrei werden. Protestiert, wenn an Unis Krankheiten zum Anlass genommen werden, Stigmata aufzubauen.

  • Indem wir den eigenen Tellerrand sprengen. Sprecht mal mit einem Obdachlosen (die letzte Obdachlosenzeitung hatte die ganze erste Seite einem Artikel darüber gewidmet, dass sie im gesamten Wahlkampf keine Rolle gespielt haben – wie betroffen einen das macht). Sprecht mal mit einem Asylsuchenden. Sprecht mal mit einer Frau mit Downsyndrom. Sprecht mal einem, der die AfD gewählt hat. Sprecht mal mit Frauen in Führungspositionen. Sprecht mal mit alleinerziehenden Vätern. Sprecht mal mit einem transsexuellen Mann. Sprecht mal mit einem Kind, das auf der Hauptschule keine Zukunft für sich sieht. Sprecht mal mit einer muslimischen Frau, die auch Feministin ist. Ihr könnt nur dazu lernen.
  • Indem wir uns weiterbilden. Viele Themen, über die in der Politik gesprochen wird, erklären sich nicht von selbst. Aber es gibt etliche Möglichkeiten, sie trotzdem zu verstehen: über Sachbücher, Dokus, Erfahrungsberichte im Internet, Kurse an Volkshochschulen, Gasthörerschaften an der Uni. Gespräche mit Betroffenen. Selbst Google! Wenn das schon alles über uns weiß, können wir uns auch zu nutzen machen, was es sonst noch alles weiß.


Das geht aber auch dezidiert politisch:

  • Informieren wir uns! [Wenn ich noch einmal lesen muss, dass nach Brexit, Trump oder AfD im Bundestag die Suchanfragen darüber, was das eigentlich bedeutet, hochgehen, wein ich.] Lest Zeitungen. Lest mehr als eine Zeitung. Schaut euch Interviews an. Schaut euch Talkshows an. Schaut euch Satiresendungen an. Schaut euch Politik-Reihen im Internet an. Schaut auch die Bundestagsdebatten selbst an (→ https://www.bundestag.de/tv). Lest Bücher über das politische System. Lest Bücher über Demokratie. Über freie Presse. Fordert das ein.
  • Gehen wir demonstrieren! Es gibt eine Zeit, in der man auf twitter meckern, wettern, schimpfen, jammern, Kampfansagen ausstoßen und Loyalitäten erklären darf. Aber es gibt auch Zeiten, in denen gilt es, vor Ort zu sein. Sich hinzustellen und Menschen zu zwingen, hinzusehen. Das geht auf Demos immer gut. Die können nicht einfach ignoriert werden. Und wenn doch, geht man halt zur nächsten auch noch. 

  • Denken wir uns Aktionen aus! Ich höre so oft, Politik sei langweilig. Und jedes Mal denke ich: bitte? Bildung, Außenpolitik, Flüchtlingsdebatten, Rentendebatten, Klimaschutz, ... das ist langweilig? Das ist unsere Zukunft. Und ja, schon klar, oft sieht das trocken aus und bürokratisch und wenn nicht jemand sagt, DU KIRA, DA GEHT ES UM DICH, hat man schnell mal abgeschalten. Aber dann liegt es doch an uns, Politik bunt zu machen und ansprechend und ihr ein angemessenes Marketing zu verpassen, sodass da, wo drinnen unsere Zukunft drin ist, auch draußen "unsere Zukunft! Wichtig! Aufpassen!" draufsteht.
  • Arbeiten wir ehrenamtlich! Nicht nur mit der AfD, auch mit der FDP und der CDU/CSU sind Parteien im Bundestag stark, die sich nicht per se soziale Gerechtigkeit und Solidarität auf die Fahnen geschrieben haben - zumindest nicht auf eine Weise, von der diejenigen profitieren, die die Unterstützung am dringendsten brauchen. Das heißt, Jugendzentren, Suppenküchen, Tafeln, aber auch Beratungsstellen aller Art und etwa Flüchtlingsorganisationen werden in nächster Zeit viel, viel, viel, viel Arbeit haben und wo wir helfen können, sollten wir das tun.

  • Spenden wir! Weil meine Filterblase ganz gut funktioniert, weiß ich, dass viele von uns Studenten oder Auszubildende sind, vielleicht sogar noch Schüler, und dass bei uns allen das Geld nicht so richtig locker sitzt. Aber für die Zeiten, in denen wir uns ordentlich an unser Bücherkaufverbot halten, oder Zeiten nach einem Geburtstag oder Monate, in denen wir besonders oft beim Job ausgeholfen haben, bieten sich immer an, um auch finanzielle Hilfe zu leisten. Wichtig ist nur: Recherchiert, wohin euer Geld geht und wofür es genutzt wird.

  • Treten wir in eine Partei ein! Zugegeben ist Parteiarbeit kein besonders lukratives Geschäft mehr und die kommunalen Ebenen, auf denen man beginnt, wirken oft, als hielte man sich klein. Aber die Mitarbeit in einer Partei ist eine sehr gute Chance, tatsächlich Einfluss zu nehmen, tatsächlich gehört zu werden, Ideen einbringen zu können, an dem Fokus mitzuarbeiten, Schwerpunkte zu legen - kurzum: eine Politik zu machen, die wirklich die Themen abdeckt, die einem selbst wichtig sind.

  • Schreiben wir unserem Abgeordneten! Ich weiß, der letzte Punkt wird vielen zu krass gewesen sein. Das ist auch okay. Man kann demokratische Pflichten ernstnehmen, ohne in einer Partei zu sein. Aber sofern man sich dagegen entscheidet, bleibt immer noch die Chance auf persönliche Kommunikation. Denn euer Abgeordneter (also der Abgeordnete eures Wahlkreises) ist euer Abgeordneter, ob ihr ihn gewählt habt oder nicht, ob ihr seine Partei gewählt habt oder nicht. Ob ihr seine Partei unterstützen wolltet oder nicht. Er repräsentiert euch für die nächsten vier Jahre, also haltet ihn auf der einen Seite in der Verantwortung, auch euch in euren Interessen zu vertreten, und helft ihm damit, in dem ihr ihn über eure Interessen aufklärt. Ein paar Vorschläge dazu, wie: Fragt ihn, wie er wozu steht. Fragt ihn, wieso er so dazu steht. Sagt ihm, wie ihr das seht. Bringt Argumente ein. Eröffnet neue Perspektiven. Unsere Repräsentanten sind auch nur Menschen. Die können alleine nicht alles leisten, also müssen wir ihnen helfen – wir müssen ihnen zumindest mal sagen, was wir wollen.
    Über den bundestagswahlleiter.de findet ihr den Abgeordneten eures Wahlkreises. Dann googelt ihr den Namen desjenigen und kommt garantiert auf eine Website. Da wird es entweder Sprechstunden geben, eine Emailadresse oder eine Briefanschrift. Vielleicht ja sogar ein Kontaktformular.
Und der Rest liegt bei euch.
Aber das möchte ich euch noch mit auf den Weg geben:

gefunden bei frjosefine

In diesem Sinne:
Ich hoffe, ihr findet für euch einen Weg, mit den Wahlergebnissen umzugehen, der nicht lähmt, sondern ermutigt, bestärkt und Perspektiven schafft. Ich hoffe auch, dass wir einen Teil dieses Weges gemeinsam gehen können. Denn in Demokratien zählt auch: Gemeinsam sind wir stark.

Deshalb: habt ihr noch Ideen, wie wir die Demokratie pflegen können? Wie wir unsere Verantwortung für dieses Land, diese Bürger und diese Welt besser leben können? Plant ihr vielleicht schon Aktionen? Habt ihr Erfahrungen gemacht? Wie kommt man gegen die Blase an, in der man lebt, und erweitert seinen Blickwinkel?
Für Anregungen bin ich euch enorm dankbar.

Bis dahin: Passt auf euch auf. Seid gut zu euch. Ich verspreche, ich werde meinen Teil leisten.

In aller, aller, aller, aller, aller Liebe,

eure Kira.
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