[GESELLSCHAFT] Celebrities: Die Privatsphäre im Grab

Sonntag, 24. September 2017




„So, if all of sudden someone in your family ends up in the hospital and you're going in and out everyday and someone's taking pictures of you and you complain, everyone's gonna say “Too bad, you made this bed. Sleep in it.“ And that's a shame.“ - Chris Evans 



Wir leben in Zeiten der schnellen Medien. Der großen Vorbilder. Der schönen Frauen, die in Unterwäsche über Laufstege laufen. In Zeiten, in denen 90% der Männer zwischen zwanzig und vierzig einen Sixpack brauchen, um gesehen zu werden. In denen ungeschminkt rausgehen entweder ein „WIE KANN SIE SICH NUR SO GEHEN LASSEN?“ oder ein „Sie scheißt auf die Hater – Celebrity XY geht ungeschminkt raus und ist so wunderschön“ zur Folge hat.

Celebrities sind ein Thema, das mir schon seit Jahren am Herzen liegt. Berühmt-Sein und Berühmt-Werden ist ein Phänomen, das mich schon lange beschäftigt (besonders das amerikanische Film-/Musikgeschäft, auf das ich mich in diesem Beitrag beschränke). Viele Schauspieler haben bereits Eltern im Business. Viele kommen aus dem Nirgendwo und träumten irgendwann mal den großen Traum vom Singen/Schauspielern/etc. und gehen nach Hollywood, nehmen an Auditions teil oder kommen bei Disney o.Ä. unter Vertrag (wobei da ja noch Eltern ihre Anteil haben). Viele, berühmte Leute haben sich irgendwann mal ihren Traum wahr gemacht und sind gesehen worden: Waren mal erfolgreich bei einem Casting und haben sich gegen Mitbewerber durchgesetzt, eine große Rolle ergattert und sind von Millionen von Menschen gesehen worden. Und werden seitdem von Millionen von Menschen wahrscheinlich nicht mehr in Ruhe gelassen.

Ich frage mich das ernsthaft: Verlieren Menschen ihre Privatsphäre, wenn sie in die Öffentlichkeit gehen? Schütteln sie sich das aus dem Ärmel und gehen zum Friedhof und verbuddeln sie sie dort freiwillig, als ein unwiederbringliches Opfer?

Wenn ich mir die Nachrichten manchmal so anschaue: Ja.

Wir können nehmen, wen wir wollen, aber lasst uns bei einem ganz banalen Beispiel anfangen: Ich hab mal ein Youtubevideo gesehen, in dem Andrew Garfield und Emma Stone zusammen in einem Restaurant essen gewesen sind und dann gern nach Hause fahren wollten. Vor ihrem Auto haben sich bestimmt 10-15 Paparazzi getummelt, die sie wie wild fotografiert haben, nicht aus dem Weg gegangen sind und zu den Fenster gerannt sind, um ihnen Fragen zu stellen. Es wurde gebrüllt, überall Blitzgewitter, eine Ausfahrt wurde blockiert und zwei Menschen konnten nicht mal in Ruhe was essen gehen.

I couldn't hear this narrative anymore about being pregnant or not pregnant; you have no idea what is going on personally in our lives and why that is or is not happening.“ - Jennifer Aniston


Ich hab noch ein Beispiel für euch:

Hilary Duff ist auf dem Flughafen und telefoniert. Ihr folgen circa 20 Paparazzi und brüllen HILARY! HILARY, GUCK HER! HILARY, DU SIEHST TOLL AUS! HILARY, WAS IST DAMIT! UND HIERMIT! HEY, HEY, HIER BIN ICH, LÄCHLE EINMAL FÜR MICH!

Kein Schwein interessiert sich dafür, dass die gute Frau telefoniert. Sie flüchtet in einen Laden auf dem Flughafen, in den die Paparazzi ihr nicht folgen dürfen. Die pressen sich aneinander, um sie von draußen fotografieren zu können, wo sie wegguckt, die Augen verdreht und sich da drin verschanzt. Das Video hat irgendwo da geendet: Ich sag euch was: Sie musste da noch raus. Und die Paparazzi haben auf sie gewartet.


Aber es sind nicht nur die Paparazzi: Ich hab das gleiche Beispiel mit Fans. Hilary Duff geht zu einem Miley Cyrus Konzert. Als sie rausgeht, quetscht sie sich zwischen hunderten von Menschen durch, die sich an sie pressen und einfach Fotos schießen. Ihren Arm festhalten, sich an sie klammern, sie auf die Wange küssen, Selfies mit ihr machen, in die sie nicht guckt, weil sie einfach. Nur. Durch. Möchte.

Sie lässt es zu. Wir wissen schon warum: Macht sie's nicht, steht am nächsten Tag auf einer Website: HILARY DUFF EISKALT ZU IHREN FANS. IST SIE JETZT VOLLKOMMEN ABGEHOBEN? Oder HILARY BRICHT UNTER DEM MEDIENDRUCK ZUSAMMEN UND MUSS FANS ZURÜCKWEISEN!

Das ist kein Witz. Beides wäre gelogen. Es würde ein Foto auf der Seite pranken, wie sie von Fans belagert hat und ein Journalist das fotografiert hat, statt dass er eingreift und vielleicht wie bei einem nicht berühmten Menschen sagt: Jetzt lasst doch mal die Frau in Ruhe, die möchte zu ihrem Auto.


Wir verlieren die Relation. Die Welt verliert die Relation. Wir oft lesen wir etwas über Filme von Schauspielern? Und wie oft lesen wir im Vergleich etwas über das Privatleben von diesen Schauspielern? Diese Menschen sind berühmt für die WERKE, die sie schaffen wollen. Aber heilige Mutter Gottes, kaum jemand redet darüber.

IA: When you were just starting out, did you find the idea of fame appealing? And has that changed over time?
Selena Gomez: I think it changed when I started getting known for things that weren’t [related to] my work. That’s when my passion started to really feel like it was going further and further away. And that scared me. 


Stattdessen gibt es Mutmaßungen, wer wen wohl dated.

Noch ein Beispiel: Scarlett Johansson lässt sich scheiden (was eine überaus traurige Nachricht gewesen ist, im Anbetracht der Tatsache, dass da eine Ehe von zwei Menschen geschieden wird, die sich mal genug geliebt haben, um zu heiraten). Sofort gibt es Unterstellungen: Hat einer von beiden den anderen betrogen? Wer hat sich nicht mehr gekümmert? ES GIBT EIN EKLAT UM DAS SORGERECHT FÜR DIE GEMEINSAME TOCHTER ROSE!

Ich möchte erwähnen, dass Scarlett Johansson zu diesem Zeitpunkt durchaus an sehr interessanten Filmen gearbeitet hat, beziehungsweise diese gerade ins Kino gekommen sind. Die Filme? MÄH. WEN INTERESSIEREN DIE FILME, DIE LÄSST SICH SCHEIDEN.

Okay, und dann männliche Freunde. SIE HAT EINDEUTIG EINE AFFÄRE MIT CHRIS EVANS, WEIL SIE BEI DEN OSCARS ABHÄNGEN.

Eine Quelle weiß das. Mehr als das weiß die Quelle auch nicht und eigentlich gibt’s die Quelle halt auch nicht.

Achja und um den Kreis mal zu Ende zu ziehen: Heute hat Scarlett Johansson einen neuen Freund und es wurde sich (ohne öffentliche Probleme) wegen dem Sorgerecht um das Kind geeinigt. Aber ihr Neuer wurde auf einer Party gleich über sie ausgefragt. Ahem. Ahem.

Ich glaube, wir verstehen uns ganz gut: Alle reden. Alle fotografieren. Alle behaupten und erfinden und interpretieren Dinge aus Bildern, von denen niemand eine Ahnung hat. Man. Jennifer Aniston hat eine zeitlang weitere Klamotten getragen und offenbar ein bisschen zugenommen (ich will hier betonen, was für eine wunderschöne, selbstbewusste und noch immer großartige Künstlerin Jennifer Aniston ist). Sofort denken die Medien, sie sei schwanger.

Die Medien behaupten, Lily Collins wäre magersüchtig, weil sie so abgenommen hat. Tausende Fans schreiben unter ihren Bildern, dass sie in Therapie gehen soll, viel zu abgemagert ist etc, etc.

Eigentlich hat sie stark für einen Film abgenommen, in dem sie eine Magersüchtige spielt.

I think the problem is the tabloids and the gossip columns taking the human body and putting it in a category. They're either fat-shaming, or body-shaming, or childless-shaming. […] It's a weird obsession that people have and I don't understand exactly why they need to take people who are out there to entertain you, and rip them apart and bully them?“ - Jennifer Aniston

Aber alle behaupten.

Und im Nachhinein revidiert das keiner. Das war dann eben einfach so und beim nächsten Mal wird’s wieder aufgegriffen.

Ich hasse das. Wir könnten uns einfach mal vorstellen, wir gehen raus und möchten uns nur einen Bagel beim Bäcker kaufen. In Jogginghose, ungeschminkt, Badelatschen dazu, Haare irgendwie zusammengebunden. Da kommen zehn Paparazzi um die Ecke und verfolgen uns, schießen zwanzig Milliarden Fotos und auf zehn verschiedenen Internetseiten sieht man am Nachmittag, dass ich wahrscheinlich gerade unter der Trennung von meinem Ex-Partner leide. Dass ich Frust esse, weil ich gerade zwei Kilo mehr drauf habe. Vielleicht bin ich auch schwanger von meinem Ex-Partner und deswegen esse ich a) einen Bagel zum Frühstück und b) trage so weiter Klamotten. Da kommt keiner auf die Idee, dass es Sonntagfrüh ist und dass ich vielleicht gerne gemütliche Kleidung trage? Dass ich mich nicht schminke, weil das einfach unnötig ist?

Wir erwarten, dass Celebrities unsere Sicht vom „höheren, perfekten Wesen“ erfüllen und vergessen dabei, dass diese – genau wie wir – einfach nur Menschen sind. Dass sie ihre Nudeln auch mit Wasser kochen. Dass sie ihr Essen auch mal nachsalzen müssen und auf's Klo gehen und stinken, wenn sie sich nicht waschen. Die müssen sich morgens auch die Zähne putzen, auch wenn ihre Zahnpasta vielleicht teurer ist. Die wollen auch ihre Ruhe. Die nervt das, wenn sie verfolgt werden und sie nicht mal telefonieren können. Wenn sie vor die Kamera treten und einen Film drehen, aber bei der Premiere als erstes nach der Ex-Frau gefragt wird. Dass Paparazzi sie in ihren Artikeln beschreiben, in dem sie sie mit einer anderen Person in Verbindung setzen (Beispiel: Anna Faris, Ex-Frau von Schauspieler Chris Pratt, statt Anna Faris, Sprecherin von „Jailbreak“ aus dem im August erschienenen Film Emojis – Der Film).

Celebrities dürfen keine Menschen sein. Und wenn sie Menschen sind, wird das an ihnen wieder unnormal gemacht – Sich zu trennen. Ungeschminkt das Haus zu verlassen. Einen Bagel zu essen. Weite, bequeme Klamotten zu tragen, etc, etc. Weil jedes Bisschen zu einem Skandal gemacht wird. Zu einer Nachricht. Zu nichts Privatem. Was sie essen, wann sie aufstehen, wann sie einen Flieger nehmen, neben wem sie sitzen, wen sie wählen, wen sie anrufen könnten, wenn sie traurig sind, dass sie twittern, dass sie nicht twittern, dass sie vielleicht gerade mal auf's Klo gehen (da gibt’s bestimmt Nachrichten drüber, da will ich für garantieren.).

Manchmal, wenn Celebritys eine Weile verschwinden und nicht wieder auftauchen, gehen sie bestimmt zum Friedhof, wo ihre Privatsphäre verbuddelt liegt. Und verbringen ein bisschen Zeit mit ihr.

Denkt drüber nach.
Alles, alles aus Liebe.
Laura
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