[GESELLSCHAFT] Fatshaming im Fernsehen - hier: "Pure Genius"

Sonntag, 27. August 2017
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Bildquelle: fernsehserien.de

An einem Mittwochabend bin ich zufällig an einem laufenden Fernseher vorbeigekommen und was da lief, war „Pure Genius“. Die Serie handelt von dem Genie James Bell, der in einer Art Krankenhaus Methoden entwickelt, um unheilbare Krankheiten oder Einschränkungen zu heilen.

In der Szene, in der ich dazustieß, ging es um eine stark übergewichtige Frau, die in ein MRT musste und hier in eines für Tiere (in dem Falle Pferde und Zebra) hineingesteckt werden sollte. Um die Situation weiterhin zu verschlimmern, kam noch ein Mensch mit einem der weiter oben genannten Tiere rein – die Demütigung der Situation wurde weiterhin gesteigert. Die Krönung war, dass man ihr einen Müsliriegel gab, den sie essen sollte, um sich zu beruhigen.

Laut dem Statistischen Bundesamt sind 2009 sechzig Prozent der Frauen und vierzig Prozent der Männer in Deutschland übergewichtig1. Und gerade deswegen muss man darüber sprechen, wie schädigend die Darstellung dessen im Free-TV aus meiner Sicht eigentlich ist.
Die Serie handelt von hochmodernen Techniken, die entwickelt werden und davon, dass Menschen, die Amnesie haben, sich wieder anfangen zu erinnern; Menschen, die blind waren, können wieder sehen. Die Demütigung demjenigen gegenüber, der unter Adipositas leidet, kann man aber nicht vermeiden und man muss ihn in ein MRT für Tiere stecken?
Dabei existieren offene MRTs und CTs, es gibt Tische, die auch ein größeres Gewicht tragen können. Es in Tierkliniken durchzuführen, ist allerletzte Lösung. Zur Serie, wo Patienten mit besonders schwerwiegenden Fällen von Krankheiten aufgenommen und behandelt werden, bildet es eine große Lücke in der Logik und bildet daher den Eindruck, dass es sich lediglich des Mitleids-Moments bediente und eine Gleichbehandlung von Übergewichtigen und Normalgewichtigen als nicht möglich im Bezug auf Behandlung darstellte.
Man muss sich sauber zu Gemüte führen, welche Entscheidung hier getroffen worden ist – jemand Übergewichtigen von normalen Behandlungen auszuschließen, dabei existieren diese. Betroffene werden in ein falsches Licht gerückt, dabei noch in ein sehr verletzendes, psychisch belastendes, es wird Schamverhalten für den eigenen Körper eingebracht, das nicht da sein müsste. Statt offen mit anderen möglichen Behandlungsmethoden umzugehen, wird Gleichheit ausgeklammert. 
Die Serie gibt in dem Punkt wieder, was die Gesellschaft gegenüber Übergewichtigen oftmals spiegelt: Sie können nicht einer normalen ärztlichen Untersuchung unterzogen werden. Essen ist das Einzige, was sie glücklich macht oder beruhigt. Sie brauchen eine Extrabehandlung. Behandlungen müssen manchmal wie welche von Tieren sein. Enderfolg: Erhebung des Bildes Menschen zweiter Klasse. Demütigung der Demütigung halber. Es findet eine falsche Darstellung statt. Es bestärkt das Bild des Übergewichtigen als Außenseiter.
Mit diesem Bild gehen wir raus in die Welt – was wollte uns diese Serie damit sagen? Wollte sie uns sagen, dass Menschen so behandelt werden müssen? Dass wir sie so sehen sollen? Dass sie so gesehen werden müssen? 
Ich habe mich, um mich auf dieses Thema vorzubereiten, in Foren belesen. (Menschen mit Übergewicht eröffnen eigene Foren, just saying – weil sie sich woanders nicht gehört und oftmals nicht ernst genommen fühlen.) Aufgrund ihres Gewichts gibt es tatsächlich Menschen, die Probleme haben, ein MRT zu finden. Menschen schämen sich dafür. Menschen fühlen sich ungerecht behandelt, wenn Ärzte sich weigern, ihnen zu helfen oder sie rigoros abweisen. Andere berichten davon, dass man ihnen zuhört und dass es selbstverständlich Möglichkeiten gibt, durchgeleuchtet zu werden. 
Man kann sich entscheiden, ob man jemandem hilft oder ob man ihn abweist. Und man kann sich entscheiden, wie man etwas darstellt.
Ich will an diesem Punkt noch einmal ganz deutlich machen, dass man Übergewicht und Krankheiten, auch Krankheiten, die Übergewicht verursachen, durchaus thematisieren soll, aber dass es allerwichtigst ist, damit, genau wie mit allen anderen Themen, sensibel umzugehen. Es verletzt Gefühle. Ich kenne Menschen, deren Gefühle das mit Sicherheit verletzt hat. Ich kenne welche, deren Gefühle es verletzen würde. Anstatt Akzeptanz zu schaffen, wurde hier eine Sondergruppe aufgemacht und auf Peinlichkeit geachtet. Das Thema der Serie sind schwierige Krankheitsfälle. Es kann durchaus schwierig sein, jemanden zu operieren, der an Adipositas leidet (leidet, ich hebe das nochmal hervor). Dann muss das durchaus gesagt werden, auch hier. Aber man darf auch darauf achten, wie man es sagt. Man darf auch darauf achten, dass es inklusiv und nicht exklusiv wirkt.
(Auch wenn die handelnden Figuren sich, soweit ich es weiß, immer respektvoll verhalten haben (wie gesagt, soweit ich das beurteilen kann).)
Die Aufklärung der Geschichte war schlussendlich, dass die Dame einen Tumor hatte, der dafür gesorgt hat, dass sie nur noch essen wollte. Durch einen nervlichen Inhibitor, den man ihr einsetzt und eine App, die die Kalorien zählte und ihr mitteilt, dass sie satt ist, soll sie 20-25 Pounds verlieren, bevor sie operiert werden kann. Wollen wir mal hoffen, dass das mit dieser App klappt und sie doch noch zu ihrer Operation kommt.

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A/N: Ich habe die Folge nicht gesehen, lediglich eine Szene, die ich oben genannt habe. Im Internet habe ich sämtliches Researche gemacht, das ging, um herauszufinden, was passiert ist. Das Wissen um die Thematisierung des Themas Übergewicht und dessen Darstellung habe ich dem entnommen, was ich finden konnte. Falls faktisch etwas nicht so richtig ist, werde ich gern darauf aufmerksam gemacht, allerdings auch gern, wenn noch etwas fehlt, was ich übersehen habe.

Ali

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1 Berlin Institut: Auswirkungen von Übergewicht


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